Der SoWi-Leistungskurs oder: Zu späte Tricks mit Kaffee, Keksen, Zwiebeln und Getreide

Dies ist ein Text für die Abi-Zeitung meines Jahrgangs. Es geht um „meinen“ SoWi-Leistungskurs. Vieles dürften „nicht-Kurs-Teilnehmer“ nicht verstehen, aber das interessiert mich nicht ;). Viel Spaß beim Lesen.

Das Schwierigste bei einem Text über einen SoWi-Leistungskurs ist der Anfang. Beginnt man mit einem lustigen Insider, den nur der Kurs versteht oder besser mit einer eher trockenen Einleitung? Ich entscheide mich hier für einen guten Mittelweg, indem ich den Text so beginne, wie es der Vorsitzende des Kurses, Herr Schumacher, auch immer tat: abrupt, plötzlich und vor allem: pünktlich!

Die Pünktlichkeit war so eine Sache für sich. Wenn die Schulglocke ihr melancholisches Klingeln durch die Weiten der Hallen, Flure und Räume der Schule erklingen ließ, begann für die Kursteilnehmer eine neue Zeitrechnung: Sekunden wurden zu Minuten. Wer den Raum wenige Sekunden nach dem Klingeln betrat, wurde gleich aufgrund „10-minütigen-zu-spät-kommens“ im Kursheft mit einem Eintrag belohnt. Um diesem verwirrenden Gefüge von Raum und Zeit entgegenzuwirken, entwickelten die Schüler einen Trick:

Angrenzend an den SoWi-Raum befinden sich bekanntermaßen noch zwei weitere kleine Räume, verbunden durch Türen. Kam man nun zu spät, klopfte man einfach an die Tür des Nebenraumes. Dieses Klopfen vernahm der Lehrer und begab sich zur Tür um nachzusehen, wer dieses Klopfen verursachte. Dies nutzte der verspätete Schüler, um schnell durch die eigentliche Tür zu eilen und sich unbemerkt auf seinen Platz zu setzen. Dieser „Trick“ wurde aber lediglich von einer Person ein einziges mal angewendet, denn man wusste nicht, ob es ein weiteres mal klappen würde. Und die Gefahr war einfach zu groß.

Gefahr? Sicher fragen sich nun die Leser, warum ich hier von Gefahr spreche. Es handelt sich schließlich lediglich um ein Schulfach. Doch all den Zweiflern da draußen möchte ich über ein Geschehnis berichten, welches die Gefahr, der wir ausgesetzt waren, verdeutlichen soll:

Eines schönen oder schlechten Tages saßen wir wie immer gut und schlecht gelaunt zugleich im im Keller der Schule angelegten Klassenraum und lauschten den Ausführungen unseres Lehrers. Doch dann wurde die unterrichtliche Harmonie des Beisammenseins gestört durch einen lauten Knall, verursacht durch einen Fußball, geschossen von Kindern, die im Kurs nach demokratischer Abstimmung nur noch als „Blagen“ bezeichnet wurden. Als sich nun eines der Mitglieder dieses „Blagen“-Vereins aufmachte, den Ball zu holen, öffnete Herr Schumacher das Fenster und brachte dem „Blag“ auf die charmant liebenswürdige Art einer Kreissäge auf Augenhöhe bei, dass er den Ball einkassieren würde, sollte dies noch einmal passieren. Und ich mache es an dieser Stelle kurz: es passierte noch einmal.

Herr Schumacher öffnete das Fenster, kletterte auf die Fensterbank, sprang hinaus, schnappte sich den Ball und leichten Schrittes erhob sich sein Körper zurück in die sichere Obhut des Klassenraumes. Die kleinen „Blagen“ wunderten sich und beschlossen, aufgrund Ermangelung eines Spielmaterials, sich vom Acker zu machen und der SoWi LK konnte mit den zuvor unterbrochenen, spannenden und unterrichtsbezogenen Diskussionen fortfahren. Man sieht also, dass man bei diesem Lehrer mit allem rechnen musste.

Ich erwähnte gerade Diskussionen! Dieses hier rein zufällig auftauchende Wort bringt mich auch gleich zu einem neuen Thema: Die Unterrichtsgespräche. Ich muss nun erst einmal erwähnen, dass ich nicht gerade der aktivste Redner im Kurs war. Das Problem bei Leuten wie mir war, dass wir immer plötzlich auf Fragen antworten mussten, die uns Herr Schumacher (wohl wissend, dass wir die Antworten in unseren mit wichtigeren Dingen beschäftigten Gehirnen, niemals finden würden), mit einem gewissen bösen Funkeln in den Augen und begleitet von seiner bekannt fiesen Lache, unvorbereitet stellte. Diese Spontanfragen wurden eigentlich immer ziemlich gleichmäßig unter den „Nichtssagern“ oder auch „Versagern“ verteilt. Lediglich eine Person wurde hier ein bisschen „bevorzugt“. Ich nenne diese Person einfach mal „Tob. Hel.“, denn schließlich muss hier eine gewisse Anonymität gewahrt werden. Schwere Fragen musste immer nur er beantworten. Die anderen Dummen (das darf ich hier schreiben, denn schließlich gehöre ich ja dazu) bekamen eindeutig leichtere Kost serviert.

Aber auch als eifriger Redner hatte man es hier nicht leicht. Eine immer besonders abschweifende und dabei trotzdem noch viel redende Person bekam schon manchmal ein „Aber machs kurz!“ zu hören. Andere redeten, während Herr Schumacher Schwamm-Fußball spielte und wieder andere wurden mit Abwesenheit belohnt. Begann jemand auf eine Frage zu antworten, konnte es schon einmal passieren, dass Herr Schumacher den Raum verließ, um sich im bereits angesprochenen hinteren Raum einen Kaffee zu holen oder um dort irgendwelche anderen Angelegenheiten zu erledigen.

Der gerade angesprochene Kaffee war übrigens das einzige, was die Schüler in den Doppelstunden noch bei Laune hielt. Freundlicherweise war es uns nämlich gestattet, in den 5-Minuten-Pausen Kaffee oder Tee zu machen. Auch gab es manchmal ein paar Kekse. Diese Kekse sorgten aber leider auch für einen Umstand, der die Einheit der Schüler mit der Unterrichtsmaterie demonstrieren sollte. Es gab schon bald ein Zwei-Klassen-System. Die Mädchen (es waren fünf an der Zahl) legten zusammen und kauften sich ihre eigenen Kekse, weil die Jungs angeblich die früher gemeinsam gekauften Kekse alleine essen würden. Ich bin ein Junge und kann diese Behauptung somit absolut nicht bestätigen. So kam es dann dazu, dass die Jungs keine Kekse mehr hatten, da sie das mit der Organisation des Geldes nie richtig hinbekamen und die Mädchen in Keksen badeten und nicht daran dachten, diese zu teilen. Diese Struktur war vergleichbar mit einer Boltezwiebel, bei der es einem nicht möglich war, in die anderen Schichten aufzusteigen. Denn um von der Männerschicht in die Frauenschicht zu gelangen bedarf es einem gehörigen medizinischen Aufwand, der sich zwar für das Erreichen der Kekse gelohnt hätte, aber durch die immensen Kosten unvorstellbar war.

Unvorstellbar genial war wohl das absolute Highlight unseres 2-jährigen Miteinanders, nämlich die Berlin-Fahrt. Was sich hier alles ereignet hatte würde den Rahmen dieses schon jetzt sehr langen Textes sprengen, darf aber nicht unerwähnt bleiben. Unvergessen bleiben einfach die Momente, als Herr Schumacher einem Busfahrer, der die Tür seines Busses vor all unseren sich nach dem Inneren dieses Busses sehnenden Augen verschlossen ließ, „an den Bus pissen“ wollte. Und das ewige „fünf Stationen nach der eigentlichen Haltestelle aussteigen, damit wir Berlin auch zu Fuß ausgiebig erkunden können“. Das täglich immer absolut pünktliche nächtliche Eintreffen der Schüler in der Jugendherberge. Das „Rucksäcke verbotener Weise aus dem Fenster werfen“, damit der freundliche Türwächter der Jugendherberge das Bier nicht bemerken konnte, welches in den Händen einiger Schüler draußen freudig darauf wartete, im inneren der Zimmer mündlich verschlungen zu werden. Die Zimmer mit der modernen Ausstattung. Der nur von wenigen bekannte aber doch mehrere Stunden für Lachkrämpfe sorgende mordende und nuschelnde U-Bahn-Schaffner mit seinen Killertüren. Die Milliarden füßlich zurückgelegten kilometerlangen Wegstrecken. Und vor allem: Es hat einfach wahnsinnig viel Spaß gemacht und war glaube ich für jeden im Kurs ein tolles Erlebnis!

Doch zurück in unsere Region. Die Region der Schule. Genauer: Die, unseres SoWi Leistungskurses. Vieles gibt es noch zu erzählen, doch leider muss ich schon aufhören. Ich möchte aber noch ein paar abschließende Worte sagen: Auch wenn der Unterricht nicht gerade als leicht zu bezeichnen war und auch die Klausuren bei der ersten Betrachtung immer für Schockmomente gesorgt haben („Wie schreibt man Äthiopien?“ oder „Ooh, guck mal da! Ein Vogel!“ und nach Rückgabe diese Schockmomente allzu oft auch bestätigten, glaube ich schon, dass alle Beteiligten im Kurs die Zeit schön fanden. Dabei rede ich nicht nur von den Schülern, sondern auch vom Lehrer. Es war bestimmt nicht einfach, diesen ungebildeten Haufen von ungebildeten Menschen irgendwie zu kontrollieren und zu koordinieren, aber das gleiche kann der Kurs von seinem Leittier ebenfalls behaupten.

Wichtig ist nur: Nicht darüber aufregen. Es gibt genug verrückte Leute, die auf Inseln leben, auf denen man mit gigantischen Mühlsteinen bezahlt. Leute, die Filme drehen, bei denen komische Leute komische Leute jagen, die irgendwas mit Kaffee zu tun haben. Leute, die in einer Stadt namens „Feuchtwangen“ leben und einfach alles scheiße finden. Ausländische Deutsche oder deutsche Ausländer die mit ihrem Leben zufrieden sind oder nicht. Oder auch Statistiken fälschende Experten, die nur deswegen Experten sind, weil sie wissen, wie man Statistiken fälscht.

Also immer dran denken: „Wir sind nicht schlechter, als all die andren“ und wenn mal was nicht klappt, nicht gleich „das Gewehr ins Getreide werfen“… das wird schon wieder!

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