Die Bücherregale in Two Worlds

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Vor Kurzen überkam mich eine Lust, deren Ursprung mir bis heute ein Rätsel ist. Mich überkam die Lust, noch einmal »Two Worlds« auszukramen und zu spielen. Ich weiß nicht, wieso dies geschah und wie tief in meinem Inneren sich diese Lust all die Jahre lang versteckt gehalten hatte, aber ich stellte keine weiteren Fragen, gab nach und spielte.

Als »Two Worlds« damals erschien, kaufte ich mir die Super-Sonder-Edition des Spiels, schließlich lag dieser ein Brieföffner bei. Und jetzt ratet mal, wie viele Briefe ich in den mittlerweile fast zwanzig Jahren seit Veröffentlichung des Spiel mit dem Ding geöffnet habe? Richtig: Etwa drei. Es liegt jetzt in irgendeinem Regal herum und wartet darauf, dass »Two Worlds« endlich zu dem »Oblivion-Killer« mutiert, als der es angekündigt worden war. Mehr kann und möchte ich dazu nicht sagen.

Stattdessen möchte ich sagen, dass ich das Spiel nach Erscheinen einige Stunden lang gespielt aber nie beendet hatte. Es war etwas, wie soll ich sagen, belanglos. Viele Mechaniken, viele Möglichkeiten, aber nichts davon war irgendwie mitreißend. Vergleicht man »Two Worlds« mit modernen spielen oder dem damals erschienenen »Oblivion«… boah… ne… ist gut. Ich habe gerade überhaupt keine Lust auf »so einen« Text. Dieser Text gibt einen Dreck auf Nostalgie, Retrospektive und irgendwelche Vergleiche mit modernem Blablabla. Ich schreibe diesen Text, weil ich wütend bin. UNGLAUBLICH WÜTEND!

Ihr wollt wissen, warum? Hier. Bitte schön. Das ist Orna Porrey. Aber vor allem ist das ein Zimmer ihres Hauses.

Wer jetzt noch nicht so wutentbrannt ist, dass er an einem Feuerlöscher leckt, hat es vermutlich noch nicht gesehen. Oder den Titel dieses Textes nicht gelesen. Hier noch ein bisschen größer.

WAS IST DENN DAS?! Und nein, ich meine nicht den Teppich. Ich meine natürlich das Bücherregal.

Zunächst einmal sollte man sich vielleicht nicht so einen gigantischen Holzbetonklotz ins kleine Zimmerchen stellen, wenn man ihn nicht ordentlich befüllen kann. Klar, nicht jeder besitzt zweitausend Bücher. Aber dann dekoriert die Zwischenräume doch mit irgendeinem Nippes!

Aber selbstverständlich sind die Leerräume ebenfalls nicht das eigentliche Problem. Ist doch schön, wenn man im Haus noch irgendwo einen Platz hat, um sein Fahrrad abzustellen. Es geht darum, dass jedes verdammte Buch falsch herum im Regal steht!

Als ich vierzig wurde, beschloss ich, jedes Buch in meiner Bibliothek noch einmal zu lesen. Ich ging jedes der etwa zweitausend Bücher in meinem Besitz durch und überlegte, ob es mich überhaupt noch interessierte. Wenn nicht, kam es weg. Ich füllte ein paar Bücherschränke in meiner Umgebung mit reifen Hausfrauen in meiner Umgebung, äh, ich meine mit uninteressanten Büchern aus meinen Regalen und startete das Projekt, das bis heute läuft und mich täglich daran erinnert, dass ich viel zu viele Bücher habe.

Jedenfalls kam ich auf die Idee, jedes Buch, das ich noch nicht gelesen hatte, mit dem Buchrücken nach hinten ins Regal zu stellen. So würden die Regale langweilig grau aussehen und erst mit der Zeit wieder ihre bunte Pracht zurück erlangen. Dies sollte mich zum Lesen motivieren, da ich natürlich so schnell wie möglich wieder schöne Regale haben wollte.

Selbstverständlich setzte ich diesen Plan nicht in die Tat um. So ein Unsinn. Ich brauche mindestens 40 Jahre, um alle meine Bücher zu lesen. Und so lange wollte ich definitiv nicht in eine graue Einöde starren. Klar, kann man sich schönreden: Die Haare werden grau, die Bücher werden bunt. Aber wo sind wir den hier? Im Sprücheklopferbergwerk? Ich verwarf die Idee und beschloss, lieber noch ein wenig Ehre im Körper zu behalten.

Kennt ihr diese Minimalisten-Videos auf youtube? Die mit diesen widerlichen Vorschaubildern? Da sitzen angebliche Menschen vor ihren aufgeräumten Regalen in ihren aufgeräumten Zimmern und halten es für nötig, anderen Leuten etwas über Ordnung zu erzählen. Und dann gucke ich angewidert genauer hin und erkenne Regale gefüllt mich Büchern, die nach Farbe sortiert wurden. Auch im »Bookshelf«-Reddit stoße ich immer wieder auf Beiträge mit der Überschrift: »Endlich ist mein Regenbogenregal fertig!«

Mit Regenbögen hat das, was sich daraufhin aus meinem Mund über meinen Bildschirm ergießt, gar nichts zu tun. Wenn ihr Regenbögen in euren Regalen haben möchtet, baut LEDs ein. Oder schüttet wasser drüber, wenn die Sonne scheint. Aber reduziert doch bitte eure Bücher nichts aufs Äußere! Wie soll man da denn noch etwas finden?

»Hast du Blablabla von Blablabla?«
»Ja.«
»Wo?«
»Weiß nicht, habe die Farbe des Buches vergessen.«

Ja, ja, klar. Wenn man nur einen Meter Bücher hat, kann man den Kram sortieren wie man will. Da findet man selbstverständlich sofort alles wieder. Aber bei Büchern denke ich nicht in solch kleinen Relationen. Es kommt auf ein skalierbares System an, bei dem man immer alles finden kann. Und da können eure Regenbögen noch so leuchten, einen Schatz werdet ihr an ihren Enden nicht finden. Nur Verwirrung und Orientierungslosigkeit.

Jetzt muss ich an dieser Stelle aber etwas zugeben und ja, es fällt mir schwer: Sortiert eure Bücher lieber nach Farbe, als sie alle mit dem Buchblock nach vorne ins Regal zu stellen. Wer das macht, gehört, naja, dazu kommen wir später.

Bücher mit dem Buchblock nach vorne ins Regal zu stellen ist das Schlimmste, was man mit Büchern machen kann. Außer man MÖCHTE als Wesen angesehen werden, das Literatur als Dekoartikel betrachtet und außerdem so langweilig ist, dass es die farbenfrohe Welt der Bücher auf so viel Grau wie nur möglich reduzieren möchte. Euch sind selbst Zebrastreifen noch zu bunt.

Ich finde es in dieser Hinsicht übrigens extrem lustig, dass Verlage jetzt damit anfangen, den Buchblock zu bedrucken. Machen die das nur, um oben beschriebenen Grausehenden eins auszuwischen? Regen sich die armen Buchblockbetrachtenden jetzt total darüber auf, dass ihre wunderschöne graue Welt auf einmal von Farben durchbrochen wird? Ich glaube, dass ich irgendwo bei der Wahl des Planeten, auf dem ich von Depressionen geplagt langsam und qualvoll zugrunde gerichtet werden möchte, falsch abgebogen bin. Das ist nun wirklich ein bisschen zu viel für mich.

Es ist wahnsinnig beeindruckend, dass die Bücherregale in einem Videospiel aus dem Jahr 2007 aussehen wie mein schlimmster Albtraum. Spielt ihr ruhig eure »Freddy«-Spiele. Lasst euch von Jumpscares untenrum erregen. Streamt eure Hackfressen, während ihr herumschreit, weil ein Pixelhaufen plötzlich vor euch auftaucht und euch zeigt, dass ihr Realität und Fiktion nicht mehr voneinander unterscheiden könnt. Ihr hättet meine Hackfresse sehen müssen, als ich zum ersten Mal ein Bücherregal in »Two Worlds« erblickte. Den Horror hättet ihr garantiert nicht verkraftet. Hätte ich das aufgenommen, hättet ihr für eure Reaction-Videos garantierte Millionenklickzahlen einheimsen können.

Nachdem ich mich ein wenig von dem Anblick in Ornas Bude beruhigt hatte, lief ich durch die Stadt Cathalon und lunzte in jedes Haus, das betreten werden konnte.

Dabei stieß ich auf eine Welt voller grotesker Horrorgestalten.

Ja, ich habe von allen Bücherregalen in Cathalon einen Screenshot gemacht. Ja, das hat lange gedauert. Und ja, es hat sich nicht gut angefühlt.

Das Allerallerschlimmste ist hierbei die Tatsache, dass jedes Bücherregal anders aussieht. Das bedeutet nämlich, dass irgendjemand diese Regale von Hand eingerichtet haben muss. Irgendeine Person aus dem „Two Worlds“-Team hat an ihrem PC gesessen und ganz bewusst die Regale auf diese Art und Weise gestaltet. Und ich wüsste wirklich gerne, warum das geschehen ist. Und warum da niemand aus dem Team einen Blick drauf geworfen und nachgefragt hat, was das soll.

Ich habe mir daraufhin die Bücher in den Regalen genauer angesehen und festgestellt, dass es acht unterschiedliche Buchstapel gibt, die in den Regalen verteilt wurden.

Dabei fielen mir vor allem diese roten Bücher auf:

Das zweite Buch von links ist das einzige Buch in ganz Cathalon, das richtig herum im Regal steht. Und ich vermute, dass es eigentlich das einzige Buch sein sollte, das NICHT richtg herum im Regal steht. Als kleiner Witz. Guckt mal, das steht mit dem Rücken nach hinten! Ha, ha. Lustig, oder?

Ich kann eigentlich nicht mehr viel zu der ganzen Sache sagen. Die roten Bücher beweisen, dass die Buchrücken existieren. Sie beweisen auch, dass alle Bücher bewusst falsch herum in die Regale eingeräumt wurden. Außerdem steht fest, dass sich niemand für Bücherregale in Videospielen interessiert, denn sonst wäre das doch garantiert jemandem aufgefallen. Und ganz ehrlich? Das war es auch schon. Mehr passiert in diesem Text nicht. Aber mich hat das alles so sehr aufgewühlt, dass ich mir meine Gefühle von der Seele schreiben musste, um sie zu verarbeiten.

Es gibt übrigens auch noch andere Städte in »Two Worlds«. Aber macht euch keine Hoffnung: Die Regale sehen überall gleich aus. Ich habe in Lets Play aus allen möglichen Jahren reingeschaut: Auch damals waren die Regale schon falsch eingeräumt.

Ich möchte wissen, was das soll. Ich möchte wissen, wer das gemacht hat und warum. Ich möchte wissen, warum das niemandem aufgefallen ist. Oder war man geschlossen der Meinung, dass das so in Ordnung ist? Wollte man mit einem revolutionären Spiel die Welt der Bücherregale revolutionieren? »Stell dir vor: das Rad, aber eckig!« Ich weiß es nicht. Ich weiß es verdammt noch mal einfach nicht.

Ich weiß nur, dass ich für diesen Text alle Menschen in Cathalon umbringen musste, da sie es nicht gerne sehen, wenn man in ihre Häuser einbricht.

Aber ganz ehrlich: Das haben sie verdient.

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