Genürsel 2014 – 41/52 – Feuerwerk

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In meinen letzten beiden Genürsel ging es um Besuche bei meinem Urologen. Das war so natürlich gar nicht geplant gewesen, jedoch drehen sich die Themen meiner Texte eben meistens um Dinge, die gerade eine wichtige Rolle in meinem Leben spielen oder gespielt haben. Und da ist es angebracht, mit dem heutigen Text ein weiteres Mal in das Thema Urologie einzutauchen, um so meine ganz persönliche Hodentrilogie abzuschließen.

Mein Urologe sitzt in Frankfurt und zwar durchgängig auf einem Hämorrhoidenkissen, weil ich die Vorstellung lustig finde. Als ich ihn vor ein paar Monaten zum ersten Mal aufsuchte, um mich zum Thema Vasektomie beraten zu lassen, geschah Folgendes: Auf dem Weg zur Praxis musste ich in der Frankfurter Innenstadt an einer rot leuchtenden Fußgängerampel stehen bleiben. Als diese grün wurde, überquerten nicht nur alle wartenden Menschen die Straße, sondern ein mir gegenüber an der Ampel stehender Mann fing an, lauthals herumzuschreien. So richtig aus Leibeskräften. Enorm laut.

Ich habe viele Jahre in Frankfurt gelebt und weiß deshalb, dass man einfach so schreienden Menschen im Innenstadtbereich nicht unbedingt Beachtung schenken sollte. Ich ging langsam an dem Mann vorbei und als ich einige Meter zwischen uns gebracht hatte, blieb ich stehen und drehte mich um, um nachzusehen, ob bei ihm alles so weit in Ordnung war, dass ich keine Hilfe rufen musste. In diesem Moment schaltete die Ampel wieder auf Rot und der Mann verstummte. Er blieb an der gleichen Stelle stehen wie zuvor, schwankte ein wenig, wofür vermutlich die Flasche verantwortlich war, die er in der Hand hielt, starrte auf die Ampel und schwieg. In diesem Moment hatte ich eine Theorie, die ich gerne bestätigt wissen wollte, weshalb ich den Mann weiter beobachtete. Es dauerte etwa eine Minute, da schien mir erneut grünes Licht aus der Fußgängerampel entgegen. Sofort begann der Mann sein Geschrei von vorne. Er starrte auf die Ampel und schrie sie an. Bis sie wieder rot wurde. Dann schwieg er. Und wartete.

Ich sah meine Theorie bestätigt und da ich keine Lust hatte, auf eine weitere Grünphase gefolgt von lautem Geschrei zu warten, ging ich weiter in Richtung Praxis. Ich hatte das Muster erkannt. Der Mann schrie grüne Ampeln an. Mehr nicht. Für Frankfurter Verhältnisse war das gar nicht mal so ungewöhnlich und ich fand es schön, dass es da draußen Menschen gibt, die nicht immer nur auf der Rotphase einer Ampel herumhacken, sondern ihre Wut auch mal in die entgegengesetzte Richtung lenken. Vielleicht war der Kerl einfach ein Freund der Entschleunigung. Da ist so eine grüne Ampel natürlich ein Erzfeind, der weggebrüllt gehört.

Als ich die Praxis erreichte, setzte ich mich auf eine Bank vor der Praxis, um ein wenig herumzusitzen und die Sonne zu genießen. Da ich mit der Bahn nach Frankfurt fahren musste, war ich eine halbe Stunde zu früh und wollte nicht so lange im Wartezimmer hocken und Menschen dabei zusehen, wie sie an der Abgabe von Urinproben scheiterten. Es dauerte keine fünf Minuten, da setzte sich ein Mann neben mich auf die Bank und sprach mich an.

Der Mann hielt eine eingeschweißte Tiefkühlpizza und eine Schale mit einer breiartigen Masse in der Hand. Es folgt in etwa das, was er mir erzählte:

»Ja, guten Tag. Ich habe da ein Problem. Ich war gerade im REWE, um mir etwas zu Essen zu kaufen. Da habe ich diese Pizza und eine Schale Hummus gekauft. Jetzt ist mir aber etwas dazwischen gekommen, weshalb ich die Pizza und den Hummus nicht mehr essen kann. Da wollte ich Sie fragen, ob Sie mir die zwei Sachen vielleicht abkaufen könnten, weil ich sie gerade wirklich nicht mehr essen kann und auch gleich los muss. Das wäre super nett. Wenn Sie möchten, können Sie mir danach auch gerne etwas von Ihren Problemen erzählen, schließlich sind wir beide ja Männer und Männer müssen miteinander reden. Also, möchten Sie die Pizza und den Hummus vielleicht haben?«

Selbstverständlich handelt es sich hier nicht um ein wörtliches Zitat. Der Redeschwall des Mannes war deutlich länger und im Grunde hätte ich die Leerzeichen zwischen den Wörtern weglassen müssen, um darzustellen, wie schnell der Mann auf mich einredete. Seine Stimme war trotz der vielen Wörter pro Sekunde übrigens sehr leise und schon auch ein wenig sanft. Das war beeindruckend. Und irgendwie auch ein wenig beruhigend.

Was mich dafür gar nicht beruhigte war der Blick, den ich während des Redeschwalls auf die Pizza geworfen hatte. Die Pizza befand sich in einer durchsichtigen Plastikverpackung. Es handelte sich zwar um eine Tiefkühlpizza, jedoch erkannte man sofort, dass an ihr nichts mehr tiefgekühlt war. Der Tag war unglaublich heiß gewesen, die Pizza hing entsprechend durch. Außerdem war die Innenseite der Verpackung komplett feucht. An dieser Stelle auch noch darauf hinzuweisen, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum seit etwa einer Woche überschritten worden war, ist vermutlich gar nicht nötig, jedoch möchte ich dieses Detail nicht unterschlagen. Über den Hummus kann ich dagegen nicht viel sagen. Sah aus wie Hummus. Eine dickflüssige, weiß-gelb-beige Masse. Hatte den Gesamteindruck jedenfalls nicht aufgebessert.

Als der Redefluss des Mannes verebbte, nutzte ich die Chance, ihm mitzuteilen, dass ich weder Interesse an seiner Pizza-Hummus-Kombo noch an einem Männergespräch mit ihm hatte. Dabei log ich ihn nicht an, sondern sagte freundlich, dass ich einen Arzttermin hatte und die Leute dort sicherlich nicht gerade erfreut darüber wären, wenn jemand abgelaufene Tiefkühlpizza mit Hummus von werweißschonwann verspeist. Wobei ich im Nachhinein zugeben muss, dass eine Urologenpraxis vermutlich genau der Richtige Ort für dieses Frühstück gewesen wäre.

Wie auch immer. Der Mann zog von dannen und ich hinein in die Praxis. Ich wollte weiteren Gesprächen mit fremden Menschen aus dem Weg gehen. Stattdessen ließ ich die redefreudigen Zivilisten Frankfurts hinter mir und mich von meinem Urologen zum Thema Vasektomie beraten. Um es kurz zu machen: Ich war begeistert und ließ mir keine zwei Wochen später den Hoden aufschlitzen. Man hat ja sonst nichts zu tun.

Nach der Aufschlitzerei muss man knapp zwei Wochen warten, bis alles verheilt ist. Anschließend muss der alte Samen ausgespült werden, was bedeutet, dass man über wenige Wochen so oft wie möglich den eigenen Hummus aus sich rausrubbeln muss. Ein Feuerwerk der guten Laune.

Irgendwann stand dann der Termin an, an dem ich in die Praxis zurückkehren musste, um eine Samenprobe abzugeben. Dies wird zweimal gemacht. Ist man danach samenfrei, bekommt man vom Urologen die Freigabe, von nun an auf Verhütung verzichten zu dürfen. Die Praxis händigt einem dafür zwei Behälter aus, in die der Samen abgefüllt und anschließend mitgebracht werden soll. Auf Nachfrage teilte man mir mit, dass das Sperma etwa eine Stunde alt sein darf.

Hier ergab sich ein Problem: Die reine Bahnfahrt nach Frankfurt dauert dank Umsteigerei immer etwa eine Stunde. Dazu kommen der Weg zum Bahnhof und zur Praxis. Insgesamt etwa eine weitere halbe Stunde. Das passte also nicht. Ich machte mir aber keine Gedanken. Dann musste ich die Sache mit dem Hummus eben in Frankfurt erledigen.

Frankfurt hat ein paar sehr schöne öffentliche Toiletten zu bieten. Das MyZeil-Gebäude beispielsweise ist immer meine erste Anlaufstelle, wenn es darum geht, sich während eines Frankfurtaufenthalts zu erleichtern. Der Plan lautete also: Nach Frankfurt fahren, die Toilette aufsuchen, den Behälter füllen und das Ganze abliefern. Fertig. Eigentlich ganz einfach. Das einzige Problem stellte noch die Uhrzeit dar: In der Praxis mussten Proben bis 11:30 abgegeben werden. Laborzeiten. Entsprechend früh machte ich mich also am Abgabetag auf den Weg nach Frankfurt. Dort angekommen blieb mir etwa eine Stunde, um mein Feuerwerk zu vollenden.

Ich betrat die MyZeil-Toilette und suchte mir eine Kabine aus. Niemand außer mir war gerade auf der Toilette, es gab eine Reihe aus bestimmt zehn Kabinen nebeneinander, ich nahm eine Kabine am Rand und trat ein. Ich atmete ein paarmal tief durch, versuchte mich abzulenken, zog mir die Hosen runter und machte mich an die Arbeit. Zunächst lief alles ganz gut. Etwas schwerfällig, aber das war ja zu erwarten gewesen. Ist jetzt halt nicht die angenehmste Atmosphäre.

Dann öffnete sich die Tür meiner Nachbarkabine. Ein Mann ging hinein, setzte sich hin und gab nur wenige Sekunden später ein Feuerwerk der Darmgeräusche von sich, das die Silvesterknallereien in Frankfurt locker in den Schatten gestellt hätte. Ich habe selten so etwas Lautes gehört. Gleichzeitig fielen Dinge in die Toilette, die vermutlich bereits seit einer halben Stunde darum gebeten hatten, endlich ausgeschieden zu werden. Es plätscherte und plumpste recht abwechslungsreich aus der Nachbarkabine, als hätte man die Reste eines Kindergarten-Knete-Festes in dieser entsorgt. Der Mann gab währenddessen leises Gewimmer und erleichtertes Seufzen von sich. Der Kerl war gerade absolut glücklich. Ich konnte seine Erleichterung praktisch fühlen. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er in diesem Moment die »Ode an die Freude« angestimmt hätte.

Was all das für mein eigenes Feuerwerk bedeutete, sollte klar sein: Während ich mir ein Lachen verkneifen musste, erschlaffte mein Hummusproduzent und die Stimmung war weg. »Gut«, dachte ich, »dann warte ich noch einen Moment und mache weiter, wenn der Kerl drei Kilo leichter geworden ist und seinen Platz geräumt hat.« Gerade, als ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, hörte ich, wie der Mann sich an seinem Rucksack zu schaffen machte. Ein Reißverschluss wurde geöffnet, es raschelte und der Mann öffnete eine Zeitung. Es war sofort klar, was das bedeutete: Er würde noch ein Weilchen hier sitzen bleiben. Anstelle meines Hummus war nun meine Stimmung im Eimer.

Aber ich gab nicht sofort auf. Es gab im MyZeil-Gebäude nicht nur eine Toilette. Auf jeder Etage konnte man sich erleichtern und jede Toilette war gepflegt. Ich beschloss also, einfach umzuziehen. Dass der Typ sich auch noch ausgerechnet neben mich gesetzt hatte, war nun wirklich ein unglaublicher Zufall gewesen. Ich zog mich an, verließ die Toilette, betrat die Rolltreppe, fuhr eine Etage nach unten, ging ein paar Minuten spazieren, um das Erlebte zu verarbeiten und stand daraufhin in einer anderen Toilettenkabine.

Der Prozess wiederholte sich. Hosen runter, durchatmen, Gedanken sortieren, den Ohrwurm vom vorangegangenen Trompetenkonzert versuchen zu vergessen und los geht der Spaß. Diesmal deutlich schwerfälliger. Aber irgendwie kam ich langsam in Stimmung.

Bis eine Putzfrau die Kabine direkt rechts neben mir betrat und ihren Wischmopp so über den Boden gleiten ließ, dass er unter der Trennwand durchrutsche und mir mehrmals an die Füße stieß. Ich hatte mich extra so hingestellt, dass es von unten so aussah, als würde ich auf der Toilette sitzen, ich bin ja kein Amateur. Aber dass mich jetzt ein Mopp anstieß, war nun wirklich etwas, vorauf ich mich nicht vorbereitet hatte. Die Frau entschuldigte sich nicht einmal. Sie wischte weiter und stieß mich weiter an und mir war klar, dass ich hier in den nächsten Sekunden nichts ausstoßen würde.

Dann verschwand der Mopp und die Frau verließ die Kabine. Ich konzentrierte mich. Das war meine Chance. Es war sonst niemand hier. Es musste einfach… der Mopp erschien erneut, diesmal kam er unter der Tür hervorgeschossen. Die Frau putzte also nicht nur die Kabine neben mir, sondern alles um mich herum. Ich war in diesem Moment der einzige auf dieser verdammten Toilette. Und genau jetzt musste gewischt werden. Ein weiterer Moppstoß. Erneut wirkte sich dies eher negativ auf meine Feuerwerkchancen aus.

Der Mopp verschwand. Hoffnungen hatte ich keine mehr. Wieder musste ich mir das Lachen verkneifen. Die Situation war so surreal, dass ich nicht anders konnte, als bereits in diesem Moment über diesen Text nachzudenken. Was für ein Tag.

Die Tür der Kabine links von mir wurde geöffnet. Die Putzfrau trat ein. Der Wischmopp erschien. Er stieß gegen meinen linken Fuß. Es war unglaublich. Was für eine wilde Wischerei. Ich zog die Hosen hoch und gab auf. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass es zu spät war. Jetzt noch auf eine andere Toilette zu gehen, würde nicht mehr funktionieren. Für den Weg zum Urologen benötigte ich mehrere Minuten. Eine neue Toilette aufzusuchen dauerte ebenfalls. Außerdem musste ich ehrlich zu mir sein: Ich würde es einfach nicht mehr schaffen. Der Mopp hatte mich ganz aus dem Konzept gewischt. Der heutige Tag war so voller Überraschungen gewesen, dass ich einfach nicht mehr konnte. Die Stimmung für ein Feuerwerk war wie weggeblasen.

Ich verließ die Toilette und betrat die Frankfurter Zeil. Ich ging ein wenig spazieren, schrieb meiner Frau von meinem Versagen, dachte über das nach, was mir soeben geschehen war, kaufte mir eine vegane Currywurst mit Pommes an meiner Lieblingsbude und fand mich damit ab, heute nicht der Kerl zu sein, der mit einer Schüssel Hummus vor der Tür zur Praxis meines Urologen sitzen würde.

Um zu einem befriedigenden Ende zu kommen: Ich erkundigte mich in der Praxis und man teilte mir mit, dass eineinhalb Stunden auch noch vollkommen in Ordnung seien. Eine halbe Stunde mehr würde die Probe nicht zerstören. Das nahm mir jedweden Druck. Ich füllte meinen Hummus einfach kurz vor der Fahrt ab und kam ohne Probleme in der Praxis an. Ich wurde nicht einmal von einem fremden Menschen angesprochen oder angeschrien.

Die Fahrt nach Frankfurt hat etwa fünfzehn Euro gekostet. Beim Betreten der Toiletten habe ich den Putzkräften immer einen Euro in ihre Sammelteller gelegt. Aus Angst. Ich wollte nicht, dass die mir genauso schwungvoll ihren Mopp über den Schädel zogen, wie sie es über den Toilettenboden taten. Das bedeutet, dass mich dieser Text siebzehn Euro gekostet hat. Die Currywurst zähle ich nicht dazu, schließlich kann die nichts dafür. Außerdem war sie an diesem Tag die stabilste Wurst gewesen, die ich in der Hand gehalten hatte. Jedenfalls glaube ich, dass sich die Investition gelohnt hat. Ich denke heute noch gerne an diesen Tag zurück. Ich weiß nicht, warum in Frankfurt immer andauernd irgendwelche Leute etwas von mir wollen, aber ich will mich gar nicht beschweren. Jeder einzelne Mensch aus dieser Geschichte hat mein Leben bereichert.

Mittlerweile habe ich meine Freigabe übrigens erhalten. Die Vasektomie war ein voller Erfolg. Nur der Appetit auf Hummus ist mir erst einmal vergangen.

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