Genürsel 2014 – 39/52 – Stunts

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Der Grundriss der Praxis meines Urologen erinnert an ein Kreuz. Unten ist der Eingang, oben die Anmeldung. Zwischen diesen beiden Bereichen verläuft der Flur, der rechts im Wartezimmer mündet und einen links in die Behandlungsräume führt. Aufgrund dieser Bauweise kann immer nur eine Person an der Rezeption stehen. Würde man sich direkt hinter diese Person stellen, stünde man mitten im Gang und müsste andauernd anderen Menschen ausweichen, die zwischen Wartezimmer und Behandlungsräumen hin und her laufen.

Das kann natürlich lustig sein. Beispielsweise wenn ein Mann mit einem leeren Urinbecher aus dem Wartezimmer an einem vobei gelaufen kommt und auf der Toilette verschwindet, nur um dann kurze Zeit später mit einem noch immer leeren Becher zurück ins Wartezimmer zu gehen, um dort zu Trinkbecher und Wasserflasche zu greifen, damit es mit der Abgabe der Probe hoffentlich beim nächsten Mal klappt. »Hat nicht funktioniert«, sagt einem der Blick, den der Mann einem zuwirft, während man versucht, sich gegenseitig auszuweichen, dabei aber selbstverständlich immer in die gleiche Richtung ausweicht und die ganze Situation für den Mann der nicht pinkeln kann, wenn er unbedingt möchte, nur noch unangenehmer wird.

Letztendlich haben sich aber alle Menschen, die die Praxis aufsuchen, an diesen Umstand angepasst. Auch, wenn mal viel los ist, steht niemand im Gang. Zwischen Gang und Eingangstür können durch die bereits beschriebene Kreuzigkeit des Raums immerhin noch ein bis zwei Personen warten, der Rest steht draußen hinter einer Glastür und betritt die Praxis, wenn wieder Platz ist.

Dadurch bildet sich im Treppenhaus vor der Glastür gerne mal eine Schlange, was immer dann für Verwirrung sorgen kann, wenn gleichzeitig Menschen aus dem Aufzug steigen und andere Menschen die Treppen hinaufgeschnauft kommen, weil sie dachten, dass der vierte Stock bestimmt gar nicht so hoch liegt, wie man es nach dem ersten Blick auf das draußen gelegene Praxisschild vermutet hat. Dann muss man irgendwie entscheiden, wer sich zuerst anstellen darf. Meistens gewinnen hier die Menschen, die die Treppe genommen haben, da die Schlange sich auf natürliche Weise mit steigender Anzahl an wartenden Personen langsam in Richtung Treppe schlängelt. Man könnte also sagen, dass man seinem Darm etwas Gutes tut, wenn man die Treppe nimmt, da man dadurch beim Urologen schneller dran kommt.

So stand ich also vor kurzem beim Urologen und wartete darauf, mich mit der freundlichen Frau an der Rezeption über Sperma unterhalten zu können. Nur noch eine Person stand vor mir und besprach mit erwähnter Frau Dinge, bei denen man nicht lauschen möchte. Ich befand mich in der Praxis im unteren Teil des Gebäudekreuzes, also zwischen Gang und Glastür, und ich glaube mittlerweile, dass es gut ist, dass ich kein Architekt geworden bin, weil die Leute bei meinen Bauplanschilderungen entweder eingeschlafen wären oder mit dem Beten begonnen hätten, weil ich andauernd von Kreuzen rede. In diesem Moment öffnete sich jedenfalls hinter mir die Glastür und ein älterer Herr betrat den Raum, bei dem ich vermutete, dass er den Aufzug genommen hatte, wobei das für diesen Text absolut keine Rolle spielt und ich glaube, dass keiner, der diesen Text lesenden Menschen noch weiß, was hier überhaupt los ist, und warum ich alten Leuten unterstelle, nicht die Treppe zu nehmen. Er stellte sich neben mich und sah sich leicht verwirrt um. Sein Kopf bewegte sich ruckartig von links nach rechts und dann begann er, abwechselnd mich und daraufhin die Rezeption anzusehen.

Für mich war der Fall klar: Der arme Mann war neu hier und war sich nicht sicher, ob ich darauf wartete, aufgerufen zu werden, oder einfach nur hier herumstand, weil ich jung bin und nichts Besseres zu tun habe. Der Abstand zwischen der vor mir stehenden Person und mir war groß, wer die Flurlogik der Praxis nicht kannte, konnte schnell annehmen, dass ich nicht darauf wartete, drangenommen zu werden, aber sicher war das nun einmal nicht und man will sich ja nicht einfach so vordrängeln und warum steht der Depp nicht vernünftig an, was soll der Abstand und überhaupt. Nachdem der Mann mich zum etwa vierten Mal angesehen hatte, grinste ich ihn an und sagte: »Ich stehe hier an.«

Der Mann schaute mich erschrocken an. Dann grinste er kurz. Das Grinsen verschwand. Den Bruchteil einer Sekunde später tauchte es wieder auf. Wieder wanderte der Blick. Dann schaute er mir in die Augen und sagte: »Oh, ach so, nein, es riecht hier nur so nach Zahnarzt. Da dachte ich kurz, ich sei falsch.«

In diesem Moment wurde ich zur Rezeption gerufen. Ich grinste dem Mann zu und erwiderte nichts. Ich war froh, so aus dieser Situation gezogen worden zu sein. Ich hätte glaube ich gar nicht gewusst, was ich hätte sagen sollen. Selbstverständlich verbrachte ich die nächsten Sekunden damit, tief einzuatmen und den Geruch in mich aufzunehmen, den der Mann mit einer Zahnarztpraxis in Verbindung gebracht hatte. Eigentlich roch es hier wie in jeder anderen Praxis auch: Desinfektionsmittel. Desinfektionsmittel ist zumindest das, was ich mit Praxen aus egal welchem Berufszweig in Verbindung bringe. Vor allem, seit man sich an jedem Eingangsbereich mittlerweile die Hände desinfizieren kann.

Kurz dachte ich darüber nach, welcher Geruch einen an eine Urologenpraxis erinnert. Und dann überlegte ich, was man an diesem Geruch verändern müsste, damit er mich an meinen Zahnarzt erinnert. Ging es hier überhaupt um den Geruch der Praxis oder eher um den Geruch des Zahnarztes, der diesem Mann in regelmäßigen Zeitabständen mit allerlei Gerätschaften im Mund herum stochert? Benutzte der Arzt ein besonderes Parfüm, das der Mann nun in dieser Praxis wahrnahm? Befürchtete er, gleich seinem Mundpeiniger gegenüberzustehen? Hatte er eine Zahnarztphobie? Wonach roch dieser verdammte Zahnarzt dieses verdammten alten Mannes? In diesem Moment fiel mir auf, dass ich gerade dabei war, eine Fortsetzung zu Patrick Süskinds „Das Parfüm“ zu verfassen, und hielt inne.

Ich fragte stattdessen die Frau an der Rezption, die sich bereits wunderte, warum ich so tief einatmete, nach Behältern für die Proben, die ich hier in nächster Zeit abzugeben hatte. Nachdem ich alle Informationen und zwei Becher erhalten hatte, verließ ich die Praxis. Nicht, ohne an dem Mann vorbeizugehen, der sich mittlerweile beruhigt hatte und nicht mehr ganz so nervös nach seinem Zahnarzt Ausschau hielt. Ich verstaute die Becher im Rucksack und war relativ froh darüber, dass es beim Urologen nicht so riecht, wie man es an einem Ort erwartet, an dem täglich von einem Haufen Menschen Sperma, Kot und Urin in kleinen Dosen abgegeben werden.

Vermutlich hätte sich mein Urologe dann aber auch schon längst an eine Marketingfirma gewandt, um zu überlegen, was man unternehmen könne, um das Ansehen oder besser das Anriechen der Praxis aufzuwerten. Man will schließlich vermeiden, dass allzu empfindliche Persönchen den Sperma-Kot-Urin-Geruch auch noch mit dem Geruch von Erbrochenem anreichern.

Während ich die Treppen hinunterging, schließlich tue ich auch nach meinem Urologenbesuch noch etwas für meinen Darm, erinnerte ich mich an einen Marketingstunt, der auf eine gewisse Art und Weise auch etwas mit Gerüchen zu tun hat: Einmal war ich bei jemandem zu Besuch, der in seiner Küche eine Schale voller Mentholbonbons stehen hatte. Auf dem Papier, in das die mentholhaltige Lutschfreude eingewickelt worden war, stand in großen Lettern: EUKA MENTHOL. Leider war jedes dieser Bonbons so umwickelt worden, dass das Papier überall Falten schlug, die die Buchstaben des Aufdrucks verdeckten. Und zwar immer an der gleichen Stelle. Es betraf immer den unteren Teil des ersten „E“s. So wurde aus EUKA MENTHOL ein FUKA MENTHOL, was mein Gehirn sofort zu einem FUCK A MENTHOL verdrehte. Und während ich die Treppen hinunterstieg, dachte ich darüber nach, wie es wohl bei meinem Urologen riechen würde, wenn andauernd Menschen zu ihm kämen, die wegen einer von ihm absichtlich zweideutig designten Bonbonverpackung mit fragwürdiger Botschaft Geschlechtsverkehr mit Mentholbonbons hatten.

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