Gläschenspülbürs

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Heute war ich einkaufen und wie es sich für einen richtigen Erwachsenen gehört, standen auf meiner Einkaufsliste auch Dinge für eben genau das: richtige Erwachsene. Backpapier-Zuschnitte zum Beispiel. Aber ich benötigte auch noch etwas anderes, nämlich eine Spülbürste. Und ich rede hier nicht von irgendeiner Spülbürste, sondern von einer ganz speziellen, nämlich so einer schmalen, um damit in Flaschenhälse eindringen zu können. Diese Dinger, sie aussehen wie langgesteckte, dünne Klobürsten. Muss ich hier wirklich Spülbürsten beschreiben?

Ich lief jedenfalls durch den Supermarkt, um die perfekte Spülbürste zu finden, soll heißen: die günstigste. Ganz ehrlich: Es gibt Dinge, für die ich gerne auch mal mehr Geld ausgebe. Spülbürsten gehören jedoch nicht dazu.

Am Spülbürstenregal angekommen, fiel mir sofort eine auf, die irgendwie… exotisch aussah. Oder besser: aufwendig. Oder noch besser: überproduziert. Das war ein Teil, kann ich euch sagen! Und teuer war die Bürste auch. Sofort wollte ich wissen, was das für eine tolle Bürste ist, drehte die Verpackung um und las die Packungsaufschrift.

Ich stieß auf ein lyrisches Meisterwerk, das mich umgehend zum Nachdenken anregte und mich in meine Schulzeit zurückversetzte, als man sich immer wieder die Frage stellen musste: Was will uns der Autor damit sagen?

3-IN-1-GLÄ-
SCHENSPÜLBÜRS-

Griff für schmale
am Griff zur Ent-
schmutz · Gründli-
Reinigung, ohne
kratzen · Bürstenk-
flexibel an · Für
schmale Flaschen-
geeignet · Mit recy-

Zuerst stellte ich mir die Frage, was eine Gläschenspülbürste ist. (Beim Überfliegen des Gedichts war mir gar nicht aufgefallen, dass nach dem „BÜRS“ noch etwas fehlte.) Sofort war ich verunsichert. Ich bin doch mit dem Gedanken einkaufen gegangen, einfach irgendeine Bürste zu kaufen. Aber offensichtlich gibt es Bürsten für Gläser und Bürsten für Gläschen. Vermutlich war diese Bürste nur für ganz besonders feine Gläser geeignet? Konnte ich damit überhaupt eine Glasflasche putzen oder würden die Borsten sofort zerfransen, weil das Glas zu… groß ist?

Ja, ich weiß. Merkwürdige Frage. Aber kennt ihr das nicht auch, wenn man denkt, etwas sei nicht kompliziert, und auf einmal ist es das doch, und ihr musst auf total viele Dinge achten?

Die Fragen hörten aber an dieser Stelle nicht auf. „Griff für schmale am Griff zur Entschmutz.“ Ja, klar. Ich brauche die Bürste zum Entschmutzen einer Flasche, aber meine Flasche hat keinen schmalen Griff, eignet sich die Bürste somit gar nicht zum, ähm, zur Entschmutz?

Und was ist eine „Gründli-Reinigung“? Ist ja schön, dass die Gründli-Reinigung ohne kratzen funktioniert, aber das klingt jetzt irgendwie nach einer regionalen Wortneuschöpfung aus der Schweiz für den Prozess, wenn jemandem eine Tafel Schweizer Schokolade auf den Küchenboden gefallen ist und man jetzt mit einer feinen Bürste die Bodenkrümel von der Schokoladentafel fegt. Ist das wirklich eine der drei Funktionen der Bürste?

Auch der Rest las sich merkwürdig. „Bürstenk-flexibel“? Hatte man da Bürstenkopf abkürzen wollen und aus Versehen „-“ statt „.“ verwendet?

Und was bedeutet „mit recy“? Wer oder was ist „recy“ und und warum ist es dabei? Wie sieht das aus? Ist „recy“ speziell für Gläschen oder kann ich damit auch Gläser bürsten?

Ich bin ehrlich: Ich hielt das Ganze für eine schlechte Übersetzung. Irgendetwas war da schiefgelaufen. Aber was? Man sollte vielleicht erwähnen, dass es sich hier nich um eine Billigbüste handelte und ich von der Firma „Tchibo“ deutlich mehr erwartet hätte.

Und gerade, als ich das Teil wieder weghängen wollte, erkannte ich, was geschehen war.

Ach du Schreck!

Man hatte also für die Befestigung der Bürste Löcher in die Pappe stechen müssen. Diese Löcher hätten die Produktbeschreibung unlesbar gemacht. Und darum hat man den Text in zwei Spalten aufgeteilt. Und zwar ohne Sinn und Verstand.

Bevor ich auf das Gesamtkunstwerk zu sprechen komme, widme ich mich noch dem zweiten Teil des Gedichts.

SER-UND-FLA-
TE
Kleine Bürste im
Öffnungen · Schaber
fernung von Grob-
che und schonende
Oberflächen zu zer-
opfende passt sich
besonders enge und
größen ab ca. Ø 2 cm
celtem Material

Zunächst freue ich mich natürlich über eine „Kleine Bürste im Öffnungen“, schließlich hätte ich nur ungerne eine „Große Bürste im Schließungen“. Ich will ja meine schmalen Gläschen nicht zerstören.

Lobend erwähnen möchte ich die Reinigungsfunktion, die hier mit „Schaber fernung von Grobche“ beworben wird. Ich kenne das Problem vor allem, wenn ich Bandnudeln mache und nach dem Kochen ein oder zwei dieser platten Nudelkonstruktionen am Topfboden festkleben. Wenn man da nicht sofort rangeht, bekommt man die Dinger nur ganz schwer ab, und dann heißt es: „Schatz, ich muss Grobche schaben!“ Schön, dass ich das mit dieser Spülburste umsetzen kann. Auch, wenn ich Bandnudeln selten in Flaschen koche. Aber vielleicht ist das ja wieder einmal so ein neumodischer Kram, den ich nicht mitbekommen habe, weil ich Instagram nicht benutze, und all die kochenden Menschen da draußen rümpfen bereits die Nase, weil ich in meinem Zuhause keine Flaschennudeln anbiete.

Bleibt noch das letzte Feature: „schonende Oberflächen zu zeropfende“. Ich denke, dass es sich hier leider tatsächlich um einen Schreibfehler handelt und es eigentlich „schonende Oberflächen zu zeropfernde“ heißen soll. Spricht mich total an. Manchmal hat man einfach einen solchen Schmutz in der Flasche, dass man am liebsten die ganze Oberfläche schonend zeropfern will.

Der Rest des Textes ist jetzt nicht so interessant. Ich vermute, dass „celtem Material“ irgendetwas keltisches ist. Dafür muss man vermutlich mal auf einem Mittelaltermarkt gewesen sein und GOTT BEHÜTE!

Jetzt möchte ich mich aber noch einmal dem Gesamtbild widmen:

Ich kann es nicht anders sagen: Ich habe lange nicht mehr so einen Formatierungsunfall gesehen wie hier. Wenn man schon eine zweispaltige Formatierung nutzen muss, sollte man sie doch bitte so formatieren wie die Spalten einer Zeitung. Erst die linke Spalte mit Text füllen, dann die rechte. Ich verstehe, dass man den Text nicht durchlöchern will, aber die Lösung, für die sich hier entschieden wurde, ist eine Beleidigung für die Augen und gleichzeitig auch einfach schwer zu lesen.

Andauernd müssen die Augen leere Schluchten überwinden, ohne dabei in der Zeile zu verrutschen. Gleichzeitig werden Wörter über die Schluchten getrennt, was das Lesen weiter erschwert. Und zuletzt wird dann auch noch an einer Stelle nicht korrekt getrennt. Da steht dann auf einmal

„Bürstenk-opfende“

und da muss die Frage einfach erlaubt sein: Was soll das?

An dieser Stelle möchte ich meinen Bericht über Spülbürsten beenden. Wen es interessiert: Ich habe eine andere Bürste gekauft. Eine ohne 3-1-Funktion, die deutlich günstiger war. Auch mit dieser kann ich entschmutzen und Oberflächen zeropfern. Und mehr will ich ja eigentlich gar nicht.

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