Fleisch ist mein Gemüse (Heinz Strunk)

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Ich habe mich immer gefragt, wie es sein muss, in einem musikalischen Konglomerat zu musizieren, das sich seinen Lebensunterhalt auf Dorffesten, Hochzeiten und vergleichbaren Feierlichkeiten verdient. Deutsches Saufkulturgut in ein Mikrofon zu grölen und währenddessen von Deutschen Kulturgutsäufern angestarrt, angebrüllt oder anignoriert zu werden, stelle ich mir lustig vor. Für einen Abend. Den Rest des Jahres würde ich daran vermutlich zugrunde gehen. »Nicht meine Welt«, dachte ich regelmäßig während der Lektüre von »Fleisch ist mein Gemüse«.

Der Titel des Buches stieß mir übrigens etwas sauer auf, da es sich hier um eine Phrase handelt, die ich beispielsweise in der Bahn nicht öffentlich zur Schau tragen möchte. »Fleisch ist mein Gemüse« ist ein Spruch, den ich nicht mag. Selbstverständlich weiß ich, warum er als Titel gewählt wurde, handelt es sich hier schließlich um eine Aussage, die im Buch getätigt wird. Sogar ein Kapitel trägt diesen Titel. Auch spielt der Fleischkonsum eine wichtige Rolle in der Geschichte. Dennoch möchte ich vermeiden, in der Bahn von einem Menschen angesprochen zu werden, der Heinz Strunk nicht kennt, den Titel liest, ihn ernst nimmt und mir deswegen ein »High Five« anbietet, weil er sich von diesen Vegetarianern und Veganiern genauso wie ich nichts sagen lässt und außerdem ist das menschliche Gebiss ja für den Fleischkonsum gemacht. Ich hätte das Buch jedenfalls »Eiappetit« genannt, weil es sich dabei ebenfalls um den Titel eines Kapitels handelt und ich das Wort sehr mag. Es klingt gut. Außerdem geht es im Buch andauernd um das Entsaften. Nicht von Hühner-, sondern von Männereiern.

Heinz Strunk beschreibt sowohl den Fleischkonsum als auch das Entsaften auf eine Art und Weise, die mich äußerst amüsiert hat. Es ist alles sehr direkt. Fleisch schmeckt halt geil. Entsaften fühlt sich halt geil an. Und die Chancen, dass jemand anderes das Entsaften für einen übernimmt, liegen sehr, sehr schlecht, da Strunks Gesicht in seiner Jugend mehr aus Pickeleiter als Haut zu bestehen schien. Da muss man dann eben selber ran. Druck abbauen. Sowohl unten- als auch obenrum. Wobei, nein, Pickel am Mund sollte man nicht ausdrücken. Blutvergiftung. Ich habe mich jedenfalls immer sehr gefreut, wenn es in dem Buch um Strunks Hautprobleme ging. Warum, kann ich gar nicht genau erklären, aber die Schilderungen riefen stets amüsiertes Mitleid in mir aus. Der Druck des Pickels vorm Zerplatzen. Fühle ich einfach.

Aber vor allem die Schilderungen der Dorffeste und Hochzeiten haben mich in ihren Bann gezogen. Dass hier nie von »Musik« die Rede ist, sondern immer nur von »Mucke« ist beispielsweise ein genialer Schachzug, der zeigt, welchen Zweck die Mucke auf diesen Festen erfüllt. Es geht nicht um Inhalte, Klang, Komposition oder vergleichbare Dinge. Es geht um die »Mucke«, ein Wort, das ich früher in der Schule auch andauernd benutzt habe. »Was hörste denn für Mucke?«, lautete die immer gleiche Frage auf dem Schulhof und die Antwort bestand stets darin, einem anderen Menschen einen vom eigenen Ohrenschmalz durchtränkten Kopfhörer ins Ohr zu stecken. Man ließ etwas von sich selbst zurück, sowohl musikalisch als auch schmalzig, bekam dafür aber auch etwas zurück, nämlich den Schmalz des Gegenübers sowie eine kurze Rezension des Gehörten, zum Beispiel »Mhm« oder »Kennichnich« oder »Wer issn das« oder »Janz jut«. Auf dem Schulhof wurden nicht nur beim Knutschen Körperflüssigkeiten herumgereicht, sondern auch beim gemeinsamen Mucke hören. Die Mucke in »Fleisch ist mein Gemüse« ist jedenfalls keine Musik, sie ist Beschallung, Ablenkung, Unterhaltung und ein Mittel, um das stattfindende Sauf- und manchmal auch Sexgelage mit etwas zu untermalen, das vor allem verhindern soll, die eigene Existenz zu hinterfragen. Schalt die Mucke ein, ich will abschalten.

Ich mochte beispielsweise die Szene, in der die Bandmitglieder auf einer Bühne stehen und ein Opa sich plötzlich vor ihnen aufbaut und anfängt, ihnen zu dirigieren. Als wäre die Band darauf angewiesen, sich von ihm den Takt vorgeben zu lassen. Lied für Lied wird dirigiert, der Opa bekommt davon durch sein stark angetrunkenes Gemüt vermutlich als einziger im Saal nichts mit und die Bandmitglieder werden genervter und genervter. Es sind Szenen wie diese, die die Stärke des Buches ausmachen. Man merkt, dass da jemand jahrelang etwas durchgemacht und erlebt hat und jetzt ein Buch nutzt, um sich diesen ganzen Müll von der Seele zu schreiben. Ich bin mir sicher, dass Strunk noch drei Bücher herausbringen könnte, in denen er Anekdoten dieser Art zum Besten gibt, aber ich bin der festen Überzeugung, dass man nicht alles wissen muss, um zu verstehen, was auf diesen Festen vor sich geht. »Fleisch ist mein Gemüse« reicht vollkommen aus, um den Lesenden das Gefühl zu vermitteln, das Dorffeste in einem auslösen, wenn man zwar dort ist, aber nicht, um sich mit anderen Menschen zu amüsieren, sondern um sie zu amüsieren.

Letztendlich geht es in »Fleisch ist mein Gemüse« um alles. Mucke, Saufen, Fleischkonsum, Eiappetit, Pickel, Sex, Spielsucht, Einsamkeit, Lust, kranke Eltern, psychische Probleme, Hoffnungslosigkeit, Jugend, Älterwerden, Zukunftsperspektiven, Arbeitslosigkeit und so weiter. Heinz Strunk beschreibt sein Leben. Und damit auch das Leben im Allgemeinen. Man denkt sich am Ende nicht: »Was für ein tolles Leben der gehabt hat!« Aber das ist auch nicht Sinn und Zweck dieses Buches. Ich bin beeindruckt von Strunks Ehrlichkeit und Direktheit. Und am Ende steht eine Sache fest: Wir alle haben unsere eigenen Dorffeste zu tragen. Und es ist gut, all das Leid in der eigenen Vergangenheit im Rückblick mit Humor zu nehmen. Macht euch nichts vor. Es ist, wie es ist. Und am Ende sitzt man dann mit ein paar Menschen, die einem etwas bedeuten, zusammen irgendwo rum und stillt gemeinsam den in einem herumpolternden Eiappetit.

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