Wer in Halle benötigt Live-Ticker?

Neulich lief ein rechtsextremer Mann durch Halle, um Juden zu erschießen. Er tötete zwei Menschen. An einem solchen Tag weiß man einfach nicht, was man tun soll. Ich wohne nicht in Halle. Ich kann mir die Angst, die den dortigen Menschen durch den Kopf gegangen ist, nicht im entferntesten vorstellen. Als ich die erste Meldung zu diesem Ereignis vernahm, konnte ich nur eines denken: »Verdammte Scheiße. Mal sehen, wie das in ein paar Stunden enden wird.« Wenige Minuten später blieb mir nichts anderes übrig als die App einer großen deutschen Wochenzeitung stummzuschalten, da ich andauernd die aktuellen Meldungen eines Livetickers auf mein Handy geworfen bekam.

Ich habe nur eine einzige Nachrichten-App auf meinem Handy. Das reicht an Nachrichten über das Weltgeschehen. Es reicht, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Wenn ich mehr wissen will, weiß ich, wie ich tiefer graben kann. Es gibt aber auch Orte, an denen ich nicht tiefer graben möchte. Halle ist so ein Ort. Ich erhielt die Mitteilung kurz nach Beginn der Tat. Danach ging es weiter und weiter. Es war beinahe wie während eines Fußballspiels. Hier ein Schuss, dort ein Treffer, hier ging etwas daneben und dort kamen erste Meinungen rein.

Wer braucht so etwas? Wer braucht einen Live-Ticker, während ein rechtsextremer Mann Juden jagt?

Die Menschen in Halle brauchen keinen Live-Ticker. Die Menschen in Halle brauchen Zugriff auf die aktuellen Polizeimeldungen. Diese können per Internet, Radio oder Fernsehen zu ihnen gebracht werden. Direkt von der Polizei. Sie brauchen keine Live-Ticker unzähliger Nachrichtenseiten, die mit Spekulationen und Meinungen um sich werfen oder eben genau das wiederkäuen, was die Menschen in Halle gerade benötigen: die aktuellen Polizeimeldungen. Sie müssen wissen, wann sie wieder ihre Häuser verlassen können. Ihnen ist egal, ob ein Politiker gerade darüber nachdenkt, was den Täter zu seiner Tat motiviert haben könnte, während dieser noch durch die Straßen rennt. Sie brauchen die offiziellen Meldungen der Polizei. Und die bekommen sie auch ohne Live-Ticker.

Die Nachrichten Seiten brauchen Live-Ticker, weil sie damit Clicks generieren können.

Der Mörder braucht Live-Ticker, weil er durch sie von besonders schlechten Nachrichtenseiten erfahren kann, was die Polizei gerade macht, wo sie sich sammelt und wo ein Zugriff geplant ist.

Die Hetzer brauchen Live-Ticker, weil sie so schnell wie möglich erfahren müssen, wie sie die Ereignisse zu ihren Gunsten nutzen können. Sie benötigen schnellstmöglich Informationen über Herkunft und Hintergründe des Täters, um sich Geschichten überlegen zu können, mit denen sie ihre Hetze weiterführen können. Entweder, weil die Herkunft zu ihrer Hetze passt, oder um sich zu überlegen, warum die Herkunft für ihre Hetze diesmal keine Rolle spielt.

Live-Ticker-Kritiker auf sozialen Netzwerken benötigen Live-Ticker, um sich live über Live-Ticker aufregen und jedem erzählen zu können, dass sie sie nicht benötigen.

Selbstinszenierer benötigen Live-Ticker, um jedem mitzuteilen, dass sie sie gerade wie wild aktualisieren, weil sie von Trauer ergriffen sind und alles wissen müssen, was sich ereignet, um weiter davon ergriffen sein können.

Neugierige Menschen benötigen Live-Ticker, weil sie alles wissen möchten, weil sie neugierig sind.

Ich benötige keinen Live-Ticker. Ich benötige einen Artikel, der mir am Ende die Fakten zusammenfasst. Weil das vollkommen ausreicht und vor Falschmeldungen und Spekulationen schützt.

Live-Ticker sind schön, wenn man sich zum Beispiel für Sportereignisse interessiert. Aber benötigt man sie wirklich, wenn ein rechtsradikaler Mann durch Halle rennt und Juden erschießen möchte?

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