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WRC3 - Ein Wrestler auf Abwegen
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WRC3 - Ein Wrestler auf Abwegen

Liebes Tagebuch,

es reicht. Ich brauche einen Karrierewechsel. Meine Zeit als professioneller Wrestler neigt sich dem Ende zu. Ich habe lange mit dem Gedanken gespielt und jetzt endlich den Entschluss gefasst, mein Leben zu ändern. Warum auch nicht? Ich habe alles erreicht. Erinnerst du dich noch an meinen ersten Kampf gegen Rolf Mysteriös? Mein Tag-Team mit Kante? Wie ich Die Große Veranstaltung auf meine Schultern hob und durch einen Tisch warf? Den Tag, an dem ich gegen die Harten Jungs Joseph und Matthias antrat? Und nicht zu vergessen: Mein wohl bestes Match gegen den Unternehmer? Ich kann nicht mehr. Ich weiß nicht, wie ich mich in meinem Beruf noch steigern soll. Darum der Tapetenwechsel.

Ich habe lange überlegt, wo ich mich bewerben soll. Wo kann ich meine Qualitäten als Unterhalter der Massen nur einbringen? Ja, für mich stand Wrestling schon immer für Unterhaltung. Rastete das Publikum aus, wusste ich, dass ich das Richtige tat. Dieses Gefühl wollte ich nicht verlieren. Zum Glück hatte ich schon seit einiger Zeit meinen Blick auf eine andere Sportart geworfen, die die gleichen Ziele verfolgt wie Wrestling: Den Rallyesport!

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Rallye-Fans sind bekannt für ihre Leidenschaft. Sie gehören zu einem Rennen genauso dazu wie die eigentliche Strecke. Sie fiebern mit, feuern an und genießen den Staub der an ihnen vorbei fahrenden Autos auf ihrer Haut. Und wie beim Wrestling sorgen sie mit ihren lustigen Klamotten für eine angenehme, entspannte und vor allem fröhliche Atmosphäre.

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Die Entscheidung stand also fest: Ich werde Rallyefahrer!

Nun sitze ich hier am Tag vor meinem ersten Rennen. Viel ist passiert. Natürlich wird man nicht einfach so Rallyefahrer. Man muss sich vorbereitet. Und das tat ich auch.

Zunächst musste ein Auto her. Das stellte sich als leichter heraus, als ich anfangs befürchtet hatte. Durch ein Inserat in der Tageszeitung wurde ich auf einen Rentner aufmerksam, der seine Rente aufbesserte, indem er Rallyeautos aus Tiefkühlgemüse schnitzte. Auf meine Anfrage reagierte er sofort und konstruierte mir innerhalb weniger Tage mein eigenes Rallyauto.

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Dabei griff er nur auf die hochwertigsten Materialien zurück. Die Rückspiegel baute er beispielsweise vollständig aus Spiegeleiern von im Freiland erschossenen Hühnern.

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Die Stoßstange dagegen entstand aus einer Mischung aus Salzstangen und Brotwurst.

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Ich gebe zu: Die Frage, wo genau hier das Tiefkühlgemüse steckt, wollte ich auch stellen. Aber dann fiel mir ein, dass ich mich eher auf die Suche nach einem guten Beifahrer begeben sollte. Schließlich ist eine Rallyefahrt ohne Beifahrer gar nicht möglich. Wie soll ich mich auf die Strecke konzentrieren und mir gleichzeitig das Gesicht pudern?

Wieder inserierte ich in der Tageszeitung und wieder war ich erfolgreich. Ich fand tatsächlich jemanden, der mir seine alte SNES-Sammlung verkaufen wollte. Mit "Mario Kart", "Link to the past" und "Zombies ate my neighbors". Nur von "Turtles in time" wollte sich der Geizhals nicht trennen. Um es kurz zu machen: Der Kerl hatte sowieso gerade nichts vor und erklärte sich darum dazu bereit, mein Beifahrer zu werden.

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Mein Beifahrer heißt übrigens Knatbert. Wir wurden sofort gute Freunde und begannen unser Training. Natürlich konnte ich bereits Auto fahren und er war gut im kleinen Einmaleins und konnte perfekt die Zahlen von eins bis sechs aufsagen. Trotzdem wollten wir uns nicht vollständig auf unser Glück verlassen. Darum besuchten wir einen Tag lang ein Trainingsgelände. Hier merkten wir schnell, dass wir ganz gut waren. So trafen wir zum Beispiel beim Slalomfahren als einziges Team in der Geschichte des Trainingsplatzes alle Hütchen. Auch auf gerader Strecke!

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Auch die Absperrung war vor unserem Können nicht sicher.

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Ich lernte schnell, dass ich das Auto nicht fahren, sondern eins mit ihm werden musste.

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Aber nicht nur mit dem Auto musste ich zu einer Einheit verschmelzen. Auch Knatbert musste ich in mich aufnehmen. Wir mussten uns verbinden. Ein Teil von mir musste in ihn eindringen. Als ich merkte, dass meine Fingernägel seinem Auge Schmerzen bereiteten, änderten wir unsere Trainingsmethoden. Wir fuhren einfach den ganzen Tag lang zusammen in der Gegend herum und er rief mir Kommandos zu. Zu Trainingszwecken überfuhren wir Kinder, die gerade alten Menschen über die Straße halfen. So lernte ich schnell, Knatbert blind zu vertrauen. Und er lernte meine Rechts-Links-Schwäche kennen und wie er damit umzugehen hatte. Oder war es eine Links-Rechts-Schwäche? Ich kann es mir einfach nicht merken.

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Nach all dem Training fühlten wir uns bereit. Wir hatten von dieser einwöchigen Rallye gehört, die hier ganz in der Nähe stattfinden sollte. An dieser wollten wir teilnehmen. Um zu gewinnen. Warum sich kleine Ziele setzen, wenn man stattdessen nach dem Großen streben kann? Aber wir wollten nicht nur gewinnen, wir wollten die Massen begeistern. Hier kam der Wrestler in mir hoch. Das Publikum sollte ausrasten. Es sollte mich anfeuern. Es sollte mich lieben. So schrieben wir die Veranstalter an. Schnell kam eine Absage zurück. Man hielt uns noch nicht für gut genug. Darum kidnappten wir den Plüschpinguin des Nachbarkindes eines der Veranstalter und sicherten uns so eine Startposition. Niemand hatte behauptet, dass es leicht werden würde.

Nun sitze ich hier einen Tag vor dem Start in meinem Zelt und schreibe diese Zeilen auf deine Seiten. Ja, ich sitze in einem Zelt. In der Nähe der Startlinie wurde ein Bereich abgesteckt, auf dem die Fahrer ihre Zelte aufschlagen dürfen.

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Leider war es uns nicht gestattet, mit den Autos zu nah an die Zelte heranzufahren. Der Platz wurde auf einem alten Cosplayerfriedhof errichtet, wodurch unser Auto immer wieder von Geistern mit komischen Frisuren zurück auf die Straße teleportiert wurde, wenn wir uns den Zelten näherten. Natürlich habe ich versucht, mich an ihnen vorbei zu schleichen aber es hat nicht funktioniert.

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Da ich mich nicht mit Cosplayergeistern einlassen, sondern lieber auf das Rennen konzentrieren wollte, hatte ich meine Aufmerksamkeit schnell auf andere Dinge gerichtet. Zum Beispiel stellte sich heraus, dass nicht alle Fahrer in Zelten übernachteten. Die Favoriten hatten andere, weitaus teurere Schlafplätze errichtet. Der angeblich beste Fahrer der Welt hatte gleich eine ganze Basis dabei. Als ich sie mir mal aus der Nähe ansehen wollte, wurde ich leider vom Gelände gejagt. Eitles Proletenvolk.

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Der hatte sogar einen eigenen Hubschrauber!

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Da dieser irgendwo hinter der Basis abgestellt war, schaffte ich es sogar, mich kurz in ihn rein zu setzen.

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Als ich entdeckt wurde, wollte man die Polizei rufen. Ich zog schnell eine Pistole und richtete sie auf den Stoffpinguin, den ich stets in einem Jutesack mit mir führte. Man ließ mich ziehen. Vorbereitung ist alles.

Den Höhepunkt stellte übrigens das Haus eines Veranstalters dar. Um die Rallye stets im Blick zu haben, hatte er sich am Streckenrand ein eigenes Haus errichten lassen. Man kann es auch übertreiben.

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Aber weißt du was, liebes Tagebuch? Genug von all dem Gerede. Ich muss ins Bett. Morgen ist der große Tag. Die Rallye beginnt! Ich bin sehr aufgeregt. Vermutlich habe ich deswegen gerade so viel in dich geschrieben. Ich bereite mir jetzt noch schnell einen frisch gepressten Waldbärensaft zu und lege mich danach hin.

Ich melde mich nach dem Rennen bei dir.

Bis morgen.

Dein Stifti.



Tag 1

Liebes Tagebuch,

es war ein Desaster! Dabei fing es so gut an! Die heutige Etappe führte durch ein wundervoll anzusehendes Waldgebiet.

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Aber irgendwie wollte der Funken nicht so richtig überspringen. Ich habe alles gegeben. Ich bin gefahren wie ein Weltmeister. Ich habe den Fans zu gewunken, mich überschlagen und was weiß ich nicht noch alles. Meine Handbremse winselte kurz vor der Ziellinie um Gnade. Wäre die Fahrt ein Wrestlingmatch gewesen, die Fans wären ausgerastet. Aber was bekam ich von den Rallyefans zurück? Das hier:

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Die Kameraleute wandten sich gelangweilt von mir ab und die Zuschauer jubelten in alle möglichen Richtungen, nur nicht in meine. Dabei tat ich alles, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Aber es wollte einfach nicht funktionieren.

Was war los? Was habe ich falsch gemacht? Ich weiß es nicht. Aber ich werde es heraus finden. Anscheinend muss man hier anders an die Fans herantreten als beim Wrestling. Ich will ehrlich sein: Ich mag Herausforderungen. Morgen wird alles anders.

Bis morgen.

Dein Nürsel.



Tag 2

Liebes Tagebuch,

Scheiße auch! Nichts hat sich geändert. Doch, natürlich hat sich etwas geändert. Vom Wald ging es diesmal ins Gebirge.

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Aber diese Oberflächlichkeit interessiert mich nicht. Ich wollte die Zuschauer begeistern und habe erneut auf ganzer Linie versagt. Dabei bin ich diesmal etwas bescheidener an die Sache herangegangen. Ich dachte, ich könnte meine Wrestlingerfahrung einbringen. Es ist schwer, als Neuer sofort Aufmerksamkeit zu bekommen. Man muss sich erst einen Ruf aufbauen. Darum nahm ich diesmal vorsichtig Kontakt zur Presse auf.

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Aber was bekam ich zurück? Desinteresse! Niemand richtete seine Kamera auf mich. Man schien sich nicht für mich zu interessieren. Wie sagt man so schön? Auch negative Werbung ist Werbung. Ich hätte mich in diesem Moment sehr über negative Werbung gefreut. Warum auch nicht? Ich bin lange kein Heel mehr gewesen. Meine letzten Tage im Wrestlingbusiness erlebte ich als Babyface. Ich war hier wegen der Abwechslung. Warum also nicht auch charakterlich neue Wege gehen?

Aber all meine Planungen waren umsonst. Ich ging gar keine Wege. Klar, ich nahm weiterhin an der Rallye teil und folgte der vorgegebenen Strecke. Aber in Wirklichkeit kam ich nicht von der Stelle.

Ich muss etwas ändern.

Bis morgen,

Dein Stiftnürsel.
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Sven Himmen