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Mitteilung bezüglich der Änderungen unserer Arbeitsanweisungen
Beyond Good & Evil

Sehr geehrte Mitarbeiterinnen,
Sehr geehrte Mitarbeiter,

ich habe schlechte Nachrichten. Wie Sie wissen, arbeitet unser kleines Sicherheitsunternehmen nun schon seit vielen Jahren für die Firma "Alpha Sections" auf dem Planeten Hillys, um dort wertvolles Firmeneigentum zu bewachen. Bis vor wenigen Tagen verlief unsere Zusammenarbeit auch ohne nennenswerte Probleme.

Leider muss ich Ihnen heute mitteilen, dass das Arbeitsverhältnis mit "Alpha Sections" getrübt ist. Der Grund dafür ist eine kürzlich vorgenommene Überprüfung unserer Arbeitsweise durch einen unangekündigten Sicherheitstest.

Durchgeführt wurde dieser von einer Mitarbeiterin der Firma IRIS, die sich auf das Testen von Sicherheitsmaßnahmen spezialisiert hat. Während des Tests sind schwerwiegende Fehler in unseren Arbeitsabläufen aufgefallen, die schleunigst unterbunden werden müssen. Im Folgenden gebe ich Ihnen einige Verhaltensregeln mit auf den Weg, durch die wir hoffentlich das Arbeitsverhältnis mit "Alpha Sections" aufrechterhalten können.

Zunächst ein paar Informationen über die Art und Weise, in der besagter Test durchgeführt wurde: Vor zwei Tagen betrat die oben erwähnte IRIS-Mitarbeiterin verschiedene Gebäudekomplexe von "Alpha Sections" mit dem Ziel, Fotos einiger bewachter Gegenstände zu machen, um so Manipulationsmöglichkeiten nachweisen zu können. Das Ergebnis dieser Untersuchung ist erschütternd: Es gelang ihr tatsächlich, jeden Gegenstand zu fotografieren, den sie sich als Ziel gesetzt hatte. Ich muss hoffentlich nicht extra erwähnen, dass ich mir in den letzten Stunden so einiges von meinen Ansprechpartnern bei "Alpha Sections" anhören durfte.

Ich habe versprochen, dass wir uns bessern werden. Um das zu erreichen, habe ich mich mit den Abteilungsleitern unserer Firma zusammengesetzt, die gemachten Fehler analysiert und die nun folgenden Arbeitsanweisungen ausgearbeitet.

1) Starren Sie keine Wände an. Schon dieser erste Punkt ist für mich nur schwer nachzuvollziehen. Es wurde tatsächlich beobachtet, dass sich vereinzelte Mitarbeiter hin und wieder in Richtung einer Wand drehten und diese mehrere Sekunden lang anstarrten. Was erhofften Sie sich dadurch? Bisher ist noch kein Eindringling mit einer Wand verschmolzen. Dieses Verhalten ergibt einfach keinen Sinn. Unterlassen Sie es bitte. Und der Mitarbeiter, der seine gesamte Schicht über eine Wand begutachtete (ich möchte an dieser Stelle keine Namen nennen), wird dies - zumindest in unserem Namen - schon bald nie wieder tun.

2) Schalten Sie keine Sicherheitssysteme (wie zum Beispiel die Laserschranken) aus, wenn Sie während Ihrer Patrouille an ihnen vorbei oder durch sie hindurch gehen. Die Mitarbeiterin von IRIS konnte tatsächlich einen ganzen Raum durchqueren, indem sie einfach hinter einem von Ihnen her schlich. Sie müssen und dürfen diese Schutzmaßnahme nicht deaktivieren. Die Laser richten bei Ihrer Rüstung keinen Schaden an. Und sollten Sie diesbezüglich Bedenken haben, dann laufen Sie doch einfach nicht durch sie hindurch. Stellen Sie sich an eine übersichtliche Stelle im Raum und überblicken Sie diesen von dort aus. Wissen Sie eigentlich, wie viel Energie durch das stetige Ein- und Ausschalten verbraucht wird?

3) Das oben angesprochene Hinterherschleichen wirft noch eine andere Frage auf: Ist Ihnen schon aufgefallen, dass Sie einen Hals besitzen? Und wissen Sie auch, wofür dieser da ist? Bitte benutzen Sie ihn! Die Testerin hat berichtet, dass Sie durchgehend geradeaus gesehen haben! Um zur Seite zu gucken, haben Sie nicht etwa Ihren Kopf, sondern gleich Ihren gesamten Körper bewegt! Warum tun Sie das? Mit leichten Kopfbewegungen könnten Sie die Raumüberwachung ungemein effektiver gestalten. Die Testerin hat berichtet, dass sie sich stets sicher fühlen konnte, solange sie hinter Ihnen stand.

4) Das bringt mich auch gleich zu einem weiteren Punkt: Überwachungen sind keine Choreographien. Bringen Sie bitte keinen Rhythmus in die Arbeitsabläufe! Die Testerin hat mir mitgeteilt, dass sie nach kurzer Observierungszeit in jedem Raum einen Rhythmus bei den Bewegungen der Bewacher erkannt hat. So hat sie beobachtet, dass sich ein Mitarbeiter beispielsweise alle drei Sekunden um 90 Grad nach links gedreht hat. Wie leicht es ihr fiel, sich so frei durch den gesamten Raum zu bewegen, muss ich Ihnen hoffentlich nicht extra erklären. Wieder einmal wurden keine Anstalten gemacht, den eigenen Hals zu benutzen. Die Testerin hat sich sogar den Spaß erlaubt, sage und schreibe 15 vollständige Umdrehungen lang hinter besagtem Mitarbeiter herzuschleichen und dabei Fotos seines Hinterteils zu schießen. Sie hielt sich an den bekannten Rhythmus und hatte somit keine Konsequenzen zu befürchten. Von nun an ist sämtliche Regelmäßigkeit strikt verboten! Wenn Sie tanzen möchten, nehmen Sie doch einfach an einem der Ballettkurse teil, die von Mitarbeitern unserer Firma neben der regulären Arbeitszeit angeboten werden.

5) Sehen Sie sich nicht die zu überwachenden Gegenstände an, sondern die Wege, die zu ihnen führen. Die Dame von IRIS schilderte mir, dass sie einmal versuchte, eine Laderampe zu fotografieren. Erreichen konnte sie diese lediglich von einer kleinen Plattform aus, zu der nur ein einziger Zugang existierte. Da diese Rampe für "Alpha Sections´" Arbeiten von zentraler Bedeutung ist, wurden gleich zwei unserer Mitarbeiter zur Überwachung eingeteilt. Und was taten diese? Sie standen am Rand der Plattform und beobachteten die Laderampe. Mit dem Rücken zum Zugang. Und bewegten sich nicht. Die ganze Zeit lang. Die Prüferin konnte sich problemlos unbemerkt anschleichen und so viele Fotos schießen wie sie wollte. Sie stand förmlich genau zwischen den beiden Bewachern und fotografierte. Unbemerkt! Wieder einmal wurden keinerlei Halsaktivitäten verzeichnet. Die mir übermittelten Fotos stimmen mich sehr traurig. Vielleicht sollten wir unsere Firmenpolitik umschreiben und von nun an keine Wachleute an Firmen, sondern menschliche Statuen an Innenstädte verkaufen.

6) Kommen wir nun zum wichtigsten Punkt: Hin und wieder haben Sie nämlich doch mal aufgepasst und die Ermittlerin gesehen. Aber wenn Sie jetzt glauben, dass ich Sie deswegen loben werde, dann haben Sie sich getäuscht. Denn was passierte bei ihrer Enttarnung? Sie rannten auf die Dame zu und sie vor Ihnen weg. Aber nicht lange. Nur, bis sie eine Ecke im Eingangsbereich erreicht hatte. Dann ließen Sie nämlich von ihr ab. Sie können es nicht sehen, aber während ich diese Zeilen hier schreibe, schüttele ich durchgehend fassungslos mit dem Kopf (Eine Tätigkeit, die Sie auch einmal ausprobieren sollten.). WENN Sie schon mal einen Eindringling bemerken, dann ist es auch Ihre verdammte Pflicht, diesen zu stellen! Was dachten Sie sich denn? "Die wird schon jemand anderes schnappen, ich habe gerade keine Lust auf Verfolgungsjagden."? Auf eine Erklärung für dieses Verhalten freue ich mich jetzt schon. Ich sage Ihnen, was zu tun ist: Spüren Sie jemanden auf, nehmen Sie ihn gefälligst fest! Mit allen Mitteln! Es reicht nicht, ihn zu erschrecken oder darauf hinzuweisen, dass Sie ihn gesehen haben. Ich bestehe auf einer aggressiven und hartnäckigen Vorgehensweise bei Kontaktaufnahme!

Mit diesen sechs Punkten werde ich meinen offenen Brief an Sie beenden. Ich hoffe Sie verstehen, dass es so nicht weitergehen kann. Wenn ich höre, dass das größte Problem für die IRIS-Mitarbeiterin nicht unsere Abwehrsysteme, sondern ein Baufehler in einem der zu durchquerenden Räume darstellte, durch den sie geradewegs durch dessen Boden ins Nichts fiel, dann wird mir Angst und Bange. Möchten Sie tatsächlich durch Baufehler ersetzt werden? Das kann ich mir einfach nicht vorstellen.

In der nächsten Woche wird jeder von Ihnen einen weiteren Brief von mir erhalten, in dem ich Ihnen Termine für Einzelgespräche mitteilen werde. Bis dahin wünsche ich Ihnen noch eine angenehme Woche.

Mit freundlichen Grüßen,

Die Geschäftsleitung.
Diese Seite existiert seit dem 28.01.2001.
Sven Himmen