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Vom Wollen und Nichtkönnen
Ich habe mir in meinem Leben schon sehr viele Arztgeschichten anhören müssen. Menschen reden schließlich andauernd über gesundheitliche Probleme und hin und wieder scheint es so, als wolle man sich gegenseitig mit körperlichen Gebrechen übertrumpfen. Über dieses Thema möchte ich aber keine weiteren Worte verlieren, das habe ich schon viel zu oft getan und sie danach nie wiedergefunden. Ich möchte viel lieber positive Themen anschneiden und eine Empfehlung aussprechen. Eine Empfehlung für das unterhaltsamste Wartezimmer!

Dieses gehört zu einem Arzt, den man in der Regel nur sehr ungerne aufsucht. Dem Urologen. Viele gehen nicht gerne zum Urologen oder nur, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Ich weiß nicht genau, ob das an Horrorvorstellungen über die Behandlungsmethoden oder bloßer Scham liegt, persönlich möchte ich aber mal ein gutes Wort für die Urologen da draußen einlegen. Sie sind auch nur Ärzte.

Jetzt aber zurück zur Preisverleihung. Das Besondere an einem Urologenwartezimmer ist ein ganz bestimmter Gegenstand, der das zentrale Element der Einrichtung bildet: Der Wasserspender. Hierzu muss man folgendes wissen: Geht man zum Urologen, wird eine Urinprobe genommen. Auch, wenn man gar keine Probleme mit dem Wasserlassen oder dem Wasserlasser hat. Sicher ist sicher. Und wenn man schon mal da ist...

Nun gibt es dabei aber ein Problem: Wer nicht muss, der kann nicht. Bei meinem ersten Urologenbesuch wusste ich zum Beispiel gar nicht, dass ich nach Ankunft einen Becher befüllen musste. Ich bin sogar vor dem Arztbesuch extra noch einmal auf die Toilette gegangen. Wie man das so macht, wenn man weg geht. Und somit stand ich vor einem Problem: Ich konnte nicht.

Aber zum Glück war ich nicht der erste Mensch, der nicht konnte und so hatte man im Wartezimmer den oben angesprochenen Wasserspender aufgestellt. Dieser bildete in den nun folgenden Minuten den zentralen Knotenpunkt aller Anwesenden, denn fast jeder musste eine Urinprobe abgeben. So saß ich also mit etwa zehn (männlichen) Personen um einen Wasserspender herum, hielt einen Plastikbecher in der Hand und trank Wasser.

Dabei gab es nun jedoch ein paar ungeschriebene Gesetze zu beachten. Zum Beispiel durfte sich immer nur eine Person am Wasserspender zu schaffen machen und sich vor allem niemand hinter den gerade seinen Becher füllenden anstellen. Das gehörte sich nicht. Man musste warten, bis sich der Auffüller wieder hingesetzt hatte. Nun schaute man sich um und prüfte, ob es nicht eine andere Person gab, die noch vor einem ein Recht auf frisches Wasser hatte. Zum Beispiel jemand, der schon länger als man selbst im Wartezimmer saß oder mehr Muskeln besaß und auf Streit aus war. War dies nicht der Fall, erhob man sich und füllte den eigenen Becher auf. Alle anderen warteten, schauten zu oder lasen eine der ausliegenden Zeitschriften.

Während des Füllvorgangs gab der Wasserspender lautes Gluckern von sich, das sich schon nach wenigen Minuten wie ein Ohrwurm in mein Trommelfell bohrte, einen Tunnel bis tief in mein Gehirn grub und sich dort festsetzte. Noch heute habe ich bei Gluckergeräuschen das Bedürfnis, in einen Becher zu pinkeln.

So saßen wir also im Wartezimmer und tranken. Unser Ziel war klar: Der Gang zur Toilette. Immer wieder geschah es, dass sich einer der Anwesenden mit einem triumphalen Seufzer erhob, den Becher zerknüllte, ihn in den Mülleimer warf und das Wartezimmer verließ. Wir, die noch sitzenden Trinker, wussten, was das bedeutete: Er musste auf die Toilette. Er hatte es geschafft. Nach kurzer Zeit kam er wieder, trug ein breites Grinsen mit sich herum, setzte sich wieder hin, griff zu einer Zeitschrift und wartete auf das Gespräch mit dem Arzt. Wir anderen tranken weiter.

Aber es spielten sich nicht nur schöne Ereignisse ab, es gab auch Schicksalsschläge zu beobachten. So geschah es, dass sich zwischenzeitig ein Mann genauso freudig erhob wie der zuvor beschriebene, seinen Becher vernichtete und uns verließ, jedoch erst nach einigen Minuten gebeugt das Wartezimmer betrat, sich einen neuen Becher nahm, diesen auffüllte und sich peinlich berührt hinsetze. Er hatte versagt, sich geirrt. Es hatte nicht geklappt. Er konnte noch immer nicht. Und alle Anwesenden wussten das.

Ich selbst sah mich jedoch mit ganz anderen Problemen konfrontiert. Nach diversen Bechern intus spürte ich den Siegesdruck meiner Blase und ging auf die Toilette. Dort nahm ich einen der zu füllenden Becher und legte los. Im Stehen natürlich. Zwar gab es eine Toilette, doch diese für besagte Zwecke zu benutzen, ist für einen Mann deutlich umständlicher als sich einfach hinzustellen.

Leider hatte ich die Bechergröße im Vergleich zum getrunkenen Wasser falsch eingeschätzt. Als ich die Zweidrittelmarke bereits überschritten hatte, musste ich mir etwas einfallen lassen. Der Toilettendeckel war schließlich nicht hochgeklappt. Ich möchte hier aber nicht weiter ins Detail gehen, sollte ein Zirkus jedoch einmal Interesse an einer artistischen Meisterleistung haben, so möge er mich bitte anrufen.

Nach diesem Kunststück ging ich zurück ins Wartezimmer. Grinsend gab ich jedem zu Verstehen, dass es bei mir geklappt hatte. Von meinem Problem erzählte ich keinem. Es würde niemand erfahren. Ich hatte schließlich alle Spuren beseitigt. Zufrieden griff ich zu einer der ausliegenden Zeitschriften, lehnte mich in meinem Stuhl zurück und tat so, als würde ich lesen. Natürlich las ich nicht wirklich. Ich beobachtete weiter das Geschehen und lauschte dem Gluckern. Wie alle Lesenden um mich herum.

(30.05.2011)
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Sven Himmen