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Unangenehmes Würfelglück
Vor langer Zeit saß ich zu Hause und wusste nichts mit meiner freien Zeit anzufangen. Ich hatte keine Lust, die Außenwelt zu besuchen, ich wollte niemanden treffen, nichts gucken und war absolut unmotiviert. In einem solchen Geisteszustand wühle ich gerne in der eigenen Wohnung herum und suche Dinge, deren Existenz ich vergessen hatte, die einen aber dennoch (oder gerade deswegen) gut unterhalten können.

Und so stieß ich auf den allseits bekannten "Rubiks Würfel". Diesen Würfel hatte ich vor fast endlos vielen Jahren einmal geschenkt bekommen und als kleines Kind konnte ich absolut nichts damit anfangen. Mir war schon klar, dass man alle Seiten in der gleichen Farbe einfärben sollte, wie dies geschafft werden konnte, war mir jedoch schleierhaft.

So spezialisierte ich mich darauf, nur eine einzige Seite richtig einzufärben, was letztendlich aber so einfach war, dass ich das Interesse an dem Würfel schnell verlor. Viele Jahre hörte ich immer wieder davon, ich sah ihn in fast jeder Wohnung stehen, doch immer ignorierte ich ihn gekonnt. Bis zu dem oben beschriebenen Tag der Langeweile.

Ich nahm den Würfel und setzte mir zum Ziel, ihn bis zum Ende des Tages gelöst zu haben. Schön, wenn man noch Ziele im Leben hat. Zunächst einmal drehte ich ein wenig daran herum. Eine Seite richtig einzufärben gelang mir noch immer, doch schon bald war klar, dass man hier bedeutend taktischer rangehen musste. Ich schnappte mir Stift und Papier und skizzierte, wie unterschiedliche Bewegungen die einzelnen Steine bewegten. Gleichzeitig informierte ich mich im Internet über den Aufbau des Würfels und ein paar Tricks. Ich wollte die Lösung nicht aus dem Internet ablesen, doch ein paar Hinweise, wie man bestimmte Steine zum Beispiel auf der Stelle drehen konnte, nahm ich dankbar in mich auf.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich schaffte es tatsächlich. Ein paar Stunden und einige vollgekritzelte Papierseiten später hatte ich den Würfel tatsächlich gelöst. Es war Abend, mir tat der Kopf weh, meine Finger schmerzten, doch ich war erfolgreich. Die nächsten Tage übte ich die Abläufe und konnte von nun an innerhalb weniger Minuten den Würfel lösen und tat dies auch ununterbrochen.

Warum? Ganz einfach: Ich habe das innere Bedürfnis, meine Finger zu bewegen. Ich kann sie einfach nicht stillhalten. Ich reiße mir die Haut von den Fingern, wenn ich nichts mit ihnen tun kann und nach einem zweistündigen (guten) Kinoabend sehen meine Finger aus, wie die Opfer eines Granatengriffs in einem Kriegsfilm. Da kam mir der Würfel sehr gelegen. Ich nahm ihn überallhin mit. In die Bahn, ins Kino, in die Stadt und so weiter. Immer, wenn ich meine Finger bewegen und vor der Selbstverstümmelung bewahren musste, löste ich den Würfel. Es war toll.

Doch dann ging die Nörgelei los. Jeder, der sah, dass ich den Würfel lösen konnte, grinste mir verächtlich entgegen und sagte, dass ich mir die Lösung sowieso nur aus dem Internet heruntergeladen hätte. Und wenn ich sage "jeder", dann meine ich das auch. Sogar in der U-Bahn hörte ich fremde Leute behaupten, dass ich die Lösung sicherlich nicht selbst herausgefunden hätte. Ich musste mir vorwerfen lassen, dass ich das alles nur machen würde, um mit meinen Fähigkeiten anzugeben.

Natürlich. Ich habe auch sonst nichts Besseres zu tun. Ich bin auf angeberische Blicke in der U-Bahn angewiesen und muss meine Minderwertigkeitskomplexe mit einem bunten Würfel bekämpfen. Selten habe ich etwas Lächerlicheres gehört.

Eigentlich bin ich der Letzte, der Wert auf die Meinung anderer Leute legt. Doch wenn man immer und immer wieder so eine Geistesgülle unter die Nase gerieben bekommt, regt es einen dann doch mal auf. Es war mir irgendwann schon fast unangenehm, den Würfel der Öffentlichkeit zu präsentieren und zu lösen. Dabei wollte ich doch nur meine Finger vor der totalen Verstümmelung retten.

Das Schreiben dieses Textes hat mir wieder mal gezeigt, dass man die Außenwelt besser ausblenden sollte, als sie zu beachten. Was interessiert es mich eigentlich, was die Leute sagen? Wenn sie meinen, ich würde mit dem Lösen eines Rätsels angeben wollen, sollen sie das tun. Und möchte man mir dieses Verhalten noch einmal direkt vorwerfen, werfe ich demjenigen vor, mit seiner Dummheit und Ignoranz anzugeben. Das finde ich nämlich mindestens genauso schlimm. Und letztendlich reden wir hier nur von einem dummen, bunten Würfel.

P.S.: Dieser Text dient lediglich dazu, mit meiner Fähigkeit, Rubiks Würfel lösen zu können, anzugeben. Ich bitte um Toleranz und Bewunderung.

(19.11.2008)
Diese Seite existiert seit dem 28.01.2001.
Sven Himmen