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Selbstbetrug
Es war unvorstellbar. Mark schaute auf seinen Wecker, um sich so zum dritten Mal zu vergewissern, dass die Weckfunktion auch wirklich deaktiviert war. Er schüttelte ungläubig den Kopf, erhob sich, öffnete den Vorhang und hielt sich aufgrund der plötzlich auftretenden Helligkeit schützend die Hände vor die Augen.

In diesem Moment erinnerte er sich. Die Vorlesung. "Grundlagen des Marketings". Grundlagen. Wen interessieren denn schon Grundlagen? Er hatte die Themen bereits am gestrigen Abend überflogen und schnell festgestellt, dass nicht viel Neues zu erwarten war.

Viele seiner Studienkollegen hatten aus diesem Grund angekündigt, die heutige Vorlesung einfach sausen zu lassen. Schließlich wurde man von niemandem dazu gezwungen, sie sich anzuhören. Außer Mark. Er wurde gezwungen. Von seinem eigenen Gewissen. Er wusste selbst, wie unsinnig diese Denkweise war, hatte es aber Zeit seines Lebens noch nicht geschafft, sie abzulegen. Es war ihm unmöglich, die Vorlesung absichtlich nicht zu besuchen, denn er würde sich deswegen sein Leben lang Vorwürfe machen.

Seine Eltern hatten ihm gesagt, er solle das Studium ernst nehmen. Nur dann würden sie es ihm finanzieren. Wenn er jetzt zu Hause bliebe, hätte er sie betrogen. Auch, wenn sie es wahrscheinlich niemals erfahren würden. Er wäre ein Lügner und hätte sie enttäuscht.

Da in Mark bereits gestern der Drang aufgekommen war, nicht zur Uni zu fahren, hatte er versucht, sich selbst reinzulegen, indem er länger aufgeblieben war, als gewöhnlich und danach vergessen hatte, sich den Wecker zu stellen. Natürlich hatte er es nicht wirklich vergessen. Er tat alles vollkommen bewusst, hatte sich währenddessen jedoch eingeredet, nur versehendlich nicht auf den Wecker zu achten.

Zu Marks großem Bedauern hatte sein Weckerplan jedoch nicht funktioniert. Er verstand selbst nicht genau, warum er ausgerechnet heute um Punkt 10 Uhr wach werden musste und sich sogar ausgeschlafener fühlte, als an jedem anderen Tag der letzten Wochen. Es war wie verhext. In der Regel schlief er an weckerlosen Tagen mindestens bis 12 Uhr. Darauf hatte er sich heute verlassen und sich letztendlich selbst enttäuscht. "Verdammte innere Uhr.", raunte Mark. "Also gut. Fertig machen und auf zur Vorlesung. Nicht, dass ich den Bus verpasse."

Während der nächsten Minuten hallten die Worte "den Bus verpassen" durch Marks Kopf und versuchten, ihn zu beeinflussen. So rasierte er sich zum ersten Mal seit mindestens einer Woche wieder und vergaß "versehendlich", vorher die Kaffeemaschine einzuschalten. Dadurch musste er nach der Körperpflege noch ein paar Minuten auf den überlebenswichtigen Kaffee warten, bevor er ihn in seine Thermoskanne füllen und das Haus verlassen konnte.

An der Wohnungstür angekommen, fiel Mark auf, dass sein T-Shirt farblich irgendwie nicht zur Hose passte. Also zog er sich noch einmal um. Nicht, dass die Leute plötzlich anfingen, über einen zu reden.

Leider gelang es Mark trotz all seiner Bemühungen nicht, viel Zeit totzuschlagen. Um den Bus zu erreichen, musste er sich noch lange nicht beeilen. Dies bedauernd verließ er das Haus und machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle.

Als er seine Wohnung verließ und an den im Hof stehenden Mülltonnen vorbeiging, erinnerte er sich plötzlich an den Müllbeutel in der Küche, den er eigentlich gestern schon hatte runterbringen wollen. Mark war überzeugt davon, dass der Beutel auf gar keinen Fall noch länger in der Wohnung stehen bleiben durfte. Es würde sicherlich zu Schimmelbildungen kommen und dadurch wäre schon bald die komplette Kücheneinrichtung hinüber. Außerdem wollte Mark die eigene Faulheit nicht einfach so tolerieren. Ab heute würde er den Müll immer rechtzeitig runterbringen. Der Kampf gegen die Unordnung hatte begonnen. Das Risiko, den Bus zu verpassen, musste er dabei leider in Kauf nehmen.

Langsam ging Mark zurück in seine Wohnung, betrat die Küche, nahm den Beutel aus dem Mülleimer, steckte einen neuen Beutel hinein, kontrollierte die Küche, ob nicht noch irgendwo Müll aufzufinden war, knotete den vollen Beutel zu, schaute auf die Küchenuhr und stutzte. Im Eifer des Aufräumens hatte er doch tatsächlich die Zeit vergessen und nur noch wenige Minuten, bis der Bus eintreffen würde.

"Jetzt nur nicht hetzen", sagte Mark zu sich selbst. "Nicht, dass du noch Kreislaufprobleme bekommst." Er nahm den Müllbeutel und wollte gerade die Wohnung verlassen, als ihm einfiel, dass er in der Küche das Fenster nicht geöffnet hatte. Da es dort jedoch stark nach Müll roch, ging Mark wieder zurück und öffnete es. Erneut an der Wohnungstür angelangt, kam ihm der Gedanke, dass es eventuell anfangen könnte, zu regnen. Und dann würde die Küche überschwemmt werden. Also schloss er das Fenster wieder. Sicher ist sicher.

Irgendwann schaffte Mark es dann tatsächlich, die Wohnung zu verlassen, den Müll in die Mülltonne zu werfen und den kurzen Weg zur Bushaltestelle in Angriff zu nehmen. Nach wenigen Metern bog er um eine Häuserecke und stand an einer großen Kreuzung, an deren gegenüberliegenden Straßenseite die Bushaltestelle zu sehen war. Um sie zu erreichen, musste Mark nur noch die Hauptstraße überqueren.

Als er an der Fußgängerampel stehen blieb, sah er plötzlich zwei Dinge, die in ihm die Hoffnung wieder aufkeimen ließen, am heutigen Tag doch noch schuldbefreit zu Hause bleiben zu können. Zunächst einmal konnte er den Bus Richtung Uni erkennen, der die Haltestelle fast erreicht hatte. Gleichzeitig sah er neben sich eine ältere Dame, die offensichtlich Probleme damit hatte, sich auf ihrem Gehstock abzustützen. Die Fußgängerampel schaltete auf grün und die Frau setzte sich langsam und unsicher in Bewegung. Das war Marks Chance, auf die er so lange gewartet hatte.

"Entschuldigen sie!", sagte er. "Darf ich ihnen vielleicht behilflich sein?" Die Frau schaute Mark zunächst erschrocken an, änderte ihren Gesichtsausdruck aber schnell in ein freundliches Lächeln. "Das ist aber sehr nett von ihnen, junger Mann.", antwortete sie erleichtert und hielt Mark ihren Arm hin, auf dass er sich einhaken konnte.

Das tat Mark auch. Innerlich jauchzte er vor Freude, während er absichtlich langsamer, als es für die Frau überhaupt nötig gewesen wäre, die Straße überquerte und dabei aus den Augenwinkeln den Bus beobachtete, der mittlerweile seine Station erreicht hatte. Mark konnte sehen, wie sich die Türen öffneten und Menschen ein- und ausstiegen. Schon in wenigen Augenblicken würden sich die Türen wieder schließen, der Bus weiterfahren und Mark hätte ihn verpasst. Um eine gute Tat zu begehen. Der Plan war perfekt und sein Gewissen vollführte erleichtert Luftsprünge.

"Wissen sie, junger Mann,", sagte die alte Frau ruhig zu Mark, "da drüben in dem Bus, das ist mein Enkel." Sie schaute in Richtung des Busses und nickte grüßend mit dem Kopf. Mark schaute ebenfalls herüber und konnte erkennen, wie der Busfahrer die Hand hob und winkte. "Das ist Jens. Ich fahre jeden Tag mit seinem Bus in die Stadt. Mit seinem Bus. Das sage ich immer zu ihm, auch wenn das natürlich nicht stimmt. Weil er weiß, dass ich mitfahren will, wartet er sogar auf mich, wenn er sieht, dass ich mich ein wenig verspätet habe. Darum muss ich mich jetzt auch nicht unnötig beeilen. Gut, dass er uns gesehen hat. Er ist ja so ein netter Junge."

Marks Plan verwandelte sich in eine Seifenblase, die von einem Windstoß unaufhaltsam in Richtung einer großen Tanne geweht wurde, bis sie dort jämmerlich zerplatzte. Höhere Mächte. Es konnte keine andere Erklärung für das geben, was sich hier vor seinen Augen abspielte. Hatte er sich in der Vergangenheit etwas zu Schulden kommen lassen? Mark überkamen Selbstzweifel. Gleichzeitig akzeptiere er aber auch sein unausweichliches Schicksal. Er würde die Vorlesung besuchen. Sie war ein Fluch, der auf seinen Schultern lastete. Und wer konnte sich schon einem Fluch entziehen?

Mark und seine Begleiterin hatten in der Zwischenzeit die Straße überquert und legten die restlichen Meter zum Bus mit wenigen Schritten zurück. Sie betraten den Bus, der Fahrer bedankte sich bei Mark für seine Hilfe, dieser setzte sich in eine der hinteren Reihen und der Bus fuhr los.

Während der Fahrt dachte Mark kurz darüber nach, ob er nicht versuchen sollte, einzuschlafen, um seine Station so zu verpassen, wusste aber gleichzeitig, dass es unmöglich war, jetzt noch einen Moment der Ruhe zu finden. Also ließ er die letzten Stunden noch einmal Revue passieren und musste dabei sogar ein wenig schmunzeln.

So verging die Zeit bis zur Universität wie im Fluge und irgendwann erreichte der Bus Marks Zielort. Er stand auf, ging zur Tür und betrat vor allen anderen den Gehweg.

Das Erste, was er hörte, war ein lauter Schrei. "Vorsicht da vorne!", erklang eine kreischende Stimme und als Mark nach rechts blickte, konnte er nur noch eine Fahrradfahrerin erkennen, die mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zugerast kam. Ihm blieb keine Möglichkeit mehr, zu reagieren und so erfasste ihn das Gefährt mit voller Wucht und riss ihn zu Boden. Mark bekam von alldem nicht viel mit. Es spielte sich viel zu schnell ab.

Als Mark nach dem ganzen Chaos wieder realisierte, wo oben und unten war, schaute er sich benommen um. Er lag auf dem Boden. Der Radfahrerin war anscheinend nichts passiert, denn sie stand kreidebleich über ihn gebeugt und machte ein erschrockenes Gesicht. Erst jetzt erkannte er sie. Es war die Professorin, die seine heutige Vorlesung halten sollte. Er wollte aufgrund dieser ironischen Fügung des Schicksals lachen, der stechende Schmerz in seinem rechten Fuß hielt ihn jedoch davon ab.

Ihm wurde übel, als er den Fuß betrachtete. Er war merkwürdig zur Seite gedreht und anscheinend gebrochen. Jetzt musste Mark tatsächlich lachen. Um ihn herum verstand zwar niemand, was an dieser Situation so lustig sein sollte, er jedoch freute sich. Er hatte ihn also doch noch gefunden. Den Grund, nicht in die Vorlesung zu gehen.

(04.06.2010)
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Sven Himmen