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Offener Brief zur Mittagszeit
Sehr geehrte Frau Wunzel,

ich weiß nicht, wie sie heißen, habe aber das dringende Bedürfnis, Ihnen einen Brief zu schreiben. Da die heutigen Normen eine direkte Anrede zur Einleitung eines Briefes vorschreiben, muss ich auf die Alternative der Namenserfindung zurückgreifen.

Sie werden mich nicht kennen, liebe Frau Wunzel, da ich fest davon überzeugt bin, dass Sie mich gar nicht wahrgenommen haben, als ich Sie sah. Um dem Rätselraten ein Ende zu machen, möchte ich Ihnen aber nun schnell erläutern, woher ich Sie kenne und vor allem warum ich es für nötig halte, Sie schriftlich zu kontaktieren.

Es ist nicht lange her, da befand ich mich in einem Auto sitzend auf einer viel befahrenen Straße. Eigentlich habe ich gar kein Auto, doch musste ich geschäftliche Besorgungen vornehmen und wurde hierfür mit einem Fahrzeug ausgestattet. Und so begab ich mich während der ungünstigen Mittagszeit auf eine der Hauptstraßen Frankfurts.

Jeder weiß, dass auf Hauptstraßen mittags immer sehr viel los ist, weshalb auch jeder diese Hauptstraßen benutzt. Ich selbst musste sie leider befahren, da mein Zielort an besagter Straße lag. Und so legte ich 90% der Strecke stehend zurück. Und wenn man schon nicht dem Straßenverlauf folgen kann, hat man wenigstens genug Zeit, den eigenen Gedanken nachzugehen.

Leider hinderte mich das aggressive Hupen der mich umgebenden Mitsteher daran, einen Gedanken zu finden, der sich nicht innerhalb weniger Sekunden vollkommen verschreckt in ein schwarzes Denkloch verkroch und nie wieder aufzufinden war. Also beobachtete ich meine Umwelt.

Ich bin kein guter Autofahrer, aber alleine die Tatsache, dies realisiert zu haben und mich dementsprechend zu verhalten macht mich heutzutage zu einem der Besten. So weiß ich zum Beispiel, dass man sich nicht penetrant hupend fortbewegen sollte, da dies in Bezug auf einen durch Stau verursachten Verkehrsstillstand zum Scheitern verurteilt ist. Auch das befahren des Fahrradwegs ist keine akzeptable Alternative, einen Verkehrsstau zu umgehen.

In aller Ruhe und meine Position als entspannter Beobachter genießend sah ich aber plötzlich Sie, Frau Wunzel. Das Geschehen um mich herum verschwand in einem Nebel aus Desinteresse. Das einzige, was aus dem Nebel herausragte, waren Sie. Sie saßen hinter mir in Ihrem Fahrzeug und schienen dem sie Umgebenden Stressverkehr genauso viel Beachtung zu schenken, wie ich.

Sie besaßen ein kleines Auto. Ein sehr kleines Auto. Es stand in herrlich ironischem Kontrast zu ihrem Körperumfang. Man könnte sagen, dass Ihnen das Fahrzeug wie auf den Leib geschneidert war und wie angegossen passte.

Im Rückspiegel konnte ich ihren angespannten Gesichtsausdruck erkennen. Ob sie plötzlich Angst vor engen Räumen bekamen? Ich konnte nur Vermutungen anstellen. Aber nicht lange. Denn mein eigentlich erster Gedanke war, dass sie den stockenden Verkehr sicherlich nutzen würden, um zu essen. Eigentlich bin ich kein solch fiese Gedanken Denker, doch aufgrund der vorherrschenden Langeweile blieb mir nichts anderes übrig. Laut lachen musste ich dann aber doch, als sie in just diesem Moment vom Rücksitz eine Scheibe Brot hervorhoben.

Sie kauten, ich lachte. Ihre Angespanntheit wich aus Ihrem Gesicht und Sie sahen schon beinahe glücklich aus. Unsere Beziehung bestand erst seit einigen Sekunden, doch schienen wir prächtig zueinander zu passen. Ihre Tätigkeit erheiterte Sie und mich zugleich.

Als Sie fertig waren mit Ihrem Brot, stocherten sie, nun wieder leicht angespannt dreinblickend, mit Ihrer Zunge zwischen Ihren Zahnzwischenräumen herum und Ihr Mund zerknautschte sich dabei, wie diese merkwürdigen Knautschtiere, mit denen jobsüchtige Unternehmer ihre nervösen Finger beschäftigen sollen. Ich beobachtete Sie und fühlte mich wohl.

Dann steckten Sie sich Daumen und Zeigefinger in die Nase, zogen dort einen dicken Popel heraus und aßen ihn.

Ich schrie. Geistig reichte ich die Scheidung ein, richtete meinen Blick wieder nach vorne auf die Straße, begann zu hupen, fuhr auf den Fahrradweg und brauste von dannen. Ich weiß nun, wovor all die Menschen mittags flüchten. Vor Ihnen, Frau Wunzel. Bitte nehmen sie Ihr Mittagessen nicht mehr auf öffentlichen Straßen ein.

Mit freundlichen Grüßen, seine Strafzettel bezahlend und sich ein wenig ekelnd

Sven Himmen

(21.12.2007)
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Sven Himmen