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Gott ist ein Placebo
Es ist nicht lange her, da wurde ich auf eine Taufe eingeladen. Kirchliche Veranstaltungen sind normalerweise nicht so mein Ding aber hier machte ich eine Ausnahme, denn das zu taufende Kind kam aus dem Körper einer Freundin. Und um soziale Kontakte aufrecht zu erhalten machte ich mich auf den Weg in das Hause Gottes um dort der Taufe beizuwohnen.

Da der Veranstaltungsort in einer relativ weiten Entfernung von meinem Wohnort gewählt wurde, bekämpfte ich die Distanz zwischen A und B mit dem Zug. Ich könnte seitenlange Texte alleine über Zugfahrten schreiben, tue dies aber nicht, weil das schon so viele vor mir gemacht haben und bestimmt auch noch einige nach mir machen werden.

Somit möchte ich jetzt nicht erklären, was sich auf dieser Fahrt ereignete. Vielmehr möchte ich beschreiben, was ich während dieser Fahrt dachte. Ich erinnerte mich nämlich an eine Sendung über Placebos. Hier wurde darüber berichtet, dass in einem Nachbarland Deutschlands (aus ethischen Gründen werde ich den Namen dieses Landes nicht nennen, denn mal ehrlich: Ich habs vergessen) ein Experiment durchgeführt wurde. An einer Klinik wurden 100 Leute operiert, weil sie Besitzer einer Krankheit waren, die irgendwas mit einem verklebten Magen oder ähnlich unangenehm klebrigen Dingen in der Magengegend zu tun hatte. Normalerweise wird diese Krankheit operiert. Doch hier wurden zufällig 50 Leute ausgewählt, denen zwar der Bauch aufgeschnitten, nach dem Öfnen aber sofort wieder geschlossen wurde, ohne die Krankheit zu operieren. Den 100 Patienten wurde natürlich nicht gesagt, wer operiert wurde und wem lediglich ein Haufen lustiger Leute zur persönlichen Erheiterung und weil sie dafür bezahlt wurden in den Bauch geguckt haben.

Das Interessante an dieser ziemlich makaberen Unternehmung war aber, dass die Heilungsrate bei beiden Gruppen, also den Operierten und die nicht Operierten, in etwa gleich war. Dies faszinierte mich. Heutzutage ist es also möglich, Leute zu heilen, indem man sie verarscht. Grandios. Der restliche Teil der Sendung war nicht so interessant, denn hier ging es um das Anwenden normaler Placebos.

Durch das Nachdenken über die Sendung kam ich aber relativ schnell an meinem Ziel an. Dort ging es nach einer standartmäßigen Begrüßung richtung Kirche.

Ich sollte kurz erklären, dass ich auf dem Papier evangelisch bin. Die Formulierung "auf dem Papier" wurde von mir bewusst so gewählt, denn mein letzter Kirchenbesuch vor besagter Taufe liegt schon einige Zeit zurück. Warum ich das überhaupt erzähle? Weil die Taufe in einer katholischen Kirche stattfand. Der Kampf zwischen evangelischen und katholischen Leuten soll nicht Bestandteil dieses Textes werden, denn lassen sie es mich einfach so formulieren: Ein Haufen Dreck ist interessanter.

Wer mich kennt der weiß, dass ich immer einen Haufen Dreck dabei habe. Nämlich in meiner Jacke. Diese Jacke hat einige große Taschen, die gefüllt sind mit wichtigen Ansammlungen meines Lebens, beispielsweise einer Plastiktüte oder einem Stückchen Watte vom Weihnachtsbaum meiner Schule. Der Grund für diese Ansammlung von Unrat ist einfach: Wenn ich mal überfallen werden sollte und der böse Räuber zu mir sagt, ich solle ganz langsam meine Taschen ausleeren, ist er, noch bevor ich meine erste Tasche komplett entrümpelt habe, entweder eingeschlafen oder so überwältigt von meiner Leidenschaft für Müll, dass er weinend zusammenbricht und schwört, nie wieder jemanden zu überfallen.

Um vom Thema Müll und Dreck wieder auf die kirchliche Veranstaltung zu kommen ist für mich kein Problem, denn das Wort "Dreck" rheimt sich auf "weg" und genau das war es, was ich während der Taufe unbedingt wollte.

Ich besaß mit meinem Hinterteil eine Bank, auf der sich keine andere Person befand und hatte somit genügend Ruhe, um über alltägliche Sinnlosigkeiten in meinem Leben nachzudenken. Ich erinnerte mich an die Hinfahrt und plötzlich schoss ein Gedankenblitz mit vierfacher Lichtgeschwindigkeit durch mein Gehirn und verursachte das, was ich immer als "Hirnschuss" bezeichne und mich dazu bringt, schnell mein Notizbuch zu zücken und diesen Schuss geistiger Erblitzung zu notieren.

Ich dachte folgenden Satz: "Gott ist ein Placebo!" Ich war überwältigt. Es war, als hätte der Herrgott selbst in mein Gehirn geschaut, hätte es dort für zu finster gehalten und es für ratsam empfunden, dort einmal Licht zu machen. Diese Erhellung meiner Gedankenwelt überwältigte mich und nun habe ich das Bedürfnis, allen Lesern dieses Textes zu erklären, wovon ich hier überhaupt rede:

Gott ist ein Placebo. Wer glaubt, es würde ihm helfen, an Gott zu glauben, dem hilft dies auch. Und warum? Weil man überzeugt davon ist, dass der Glaube funktioniert! Dies ist der gleiche Effekt wie bei Placebos in Medikamentform. Man glaubt, dass das, was man da gerade bekommen hat, einem helfen würde. Und dieser Effekt trifft dann auch ein. Durch den Glauben verarscht man sich also selbst und sorgt mit Hilfe dieser Selbstverblödung dafür, dass es einem besser geht!

Wer an Gott glaubt (oder auch irgendwelche anderen Wesen oder Gegenstände) und ein schönes Leben hat, der glaubt, dass das an diesem Gott liegt. Da sie alles positive als Signal Gottes bezeichnen, ist ihre Feude über das eingetroffene Gute auch um einiges höher als bei denen, die sozusagen keinen Glauben besitzen. Wenn denen etwas tolles passiert, dann sehen sie das eben als einen schönen Augenblick in ihrem Leben an. Als mehr aber auch nicht.

Gott und der aus ihm resultierende Glaube ist also ein perfektes Placebo! Man kann ihn sehr gut und einfach vermarkten und die Herstellungskosten sind gleich Null.

Nach dieser für gläubige Menschen mehr als provokanten Äußerung möchte ich aber noch eben klarstellen, was ich allgemein zu diesem Thema sage. Es kommt selten vor, dass ich diese Frage beantworte, aber hier ist meine persönliche Antwort auf die Frage "Glauben sie, dass es einen Gott gibt?"!

Nein.

Bleibt mir nur noch zu sagen, dass ich mich jetzt erst mal wieder von der Glaubensfrage distanzieren werde und demnächst wieder über weniger brisante Themen wie beispielsweise die Watte vom Weihnachtsbaum meiner Schule berichten werde. Hierzu kann ich mir bestimmt auch noch was aus den Fingern saugen und eventuell provoziere ich mit einem solchen Thema nicht ganz so viele Hassgedanken auf mein persönliches Wohlbefinden wie mit diesem Thema.

(23.02.2005)
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Sven Himmen