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Ein Leben in Angst
Ich weiß gar nicht mehr genau, wann es angefangen hat aber ich glaube, es begann mit einer Erkältung, beziehungsweise Grippe. Mir war schwindelig und mein Kopf drohte jeden Moment zu platzen. Legte ich mich hin, wurde es schlimmer. Bewegte ich mich, war das Gefühl wenigstens erträglich. Also lief ich eine ganze Nacht lang auf und ab. Zwischendurch surfte ich durch das Internet, um mich abzulenken. Google. "Druck im Kopf", "Schwindelgefühl". Resultat: Mögliches Anzeichen eines Gehirntumors. Ich schaltete meinen Computer aus. Ich war noch unruhiger. Ich würde sterben. An einem Tumor im Kopf.

Morgens ging ich sofort zum Hausarzt. Der hatte an diesem Tag leider gar keine Sprechstunde. Also auf ins Krankenhaus. Dort untersuchte mich ein Arzt, machte ein paar Tests und meinte, ich hätte vermutlich eine Art Grippe oder Virusinfektion. Ich sollte mich zu Hause ins Bett legen und erholen. Es sei definitiv nichts Schlimmes. Auf meine Tumorfrage reagierte er beruhigend, untersuchte mich oberflächlich danach und gab Entwarnung. Ich glaubte ihm nicht. Als würde man einen Tumor so leicht feststellen können. Er musste etwas übersehen haben.

Einen unruhigen Tag später ging ich zu meinem Hausarzt und schilderte ihm den Fall. Er hörte sich alles an, untersuchte mich erneut und wiederholte die Diagnose des gestrigen Arztes. Auch ihm erzählte ich von meinem Tumorverdacht. Wieder erhielt ich Entwarnung. Diesmal gab ich mich jedoch nicht damit zufrieden. Ich erklärte, dass ich Angst hätte. Er nickte und stellte mir eine Überweisung zum Neurologen aus. Endlich.

Beim Neurologen wurde ich von Kopf bis... Kinn untersucht. Diagnose: Kein Tumor. Dafür stieß man auf eine kleine Zyste. Nichts großes und vor allem nichts bedrohliches. Ein solches Teil hat vermutlich jeder zweite Mensch in seinem Kopf, ohne es zu wissen. Somit bestünde keine Gefahr für mich. Ich war alles andere als beruhigt. Eine Zyste? In meinem Kopf? Scheiße. Ich ignorierte die positive Diagnose. Die Neurologin betonte immer und immer wieder, dass keinerlei Gefahr bestünde und ich nickte nur. Ich tat so als würde ich ihr glauben. Innerlich dagegen zitterte ich. Eine Zyste. Verdammt.

In der folgenden Nacht begannen meine Herzprobleme. Ich spürte hin und wieder einen leichten, stechenden Schmerz in meiner linken Brust. Mein Herz. Es machte offensichtlich schlapp. Gut, dass ich wegen der Neurologieergebnisse sowieso zu meinem Hausarzt musste.

Zunächst verkündete ich das Ergebnis meiner Kopfuntersuchung. Ich erwähnte auch die Zyste. Mein Hausarzt nickte lediglich und schien ihr keinerlei Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Warum nimmt eigentlich niemand meinen nahenden Tod ernst? Dafür konfrontierte ich ihn nun mit meinen Herzbeschwerden. Er hörte mich ab, maß den Blutdruck und stellte nichts ungewöhnliches fest. Ich gab mich damit nicht zufrieden. Ich betonte, dass ich mir Sorgen machte. Wieder nickte mein Hausarzt und stellte eine neue Überweisung aus. Zur Herzuntersuchung.

Auf dem Weg zu besagter Untersuchung hatte ich ein Problem: Ich fand das Gebäude nicht. Also musste ich mich beeilen. Ich hatte die falsche Hausnummer notiert. Zwei Minuten vor Terminbeginn fand ich dann doch noch mein Ziel und ging schnellen Schrittes zum Untersuchungszimmer. Ich nahm die Treppen, nicht den Fahrstuhl, von Etage zu Etage stellte sich jedoch heraus, dass mein Ziel ziemlich weit oben lag. Dort angekommen war ich etwas außer Atem. Aber egal. Auf zur Untersuchung.

Zunächst unterhielt ich mich mit einem Arzt und schilderte meine Probleme. Er betonte, dass man bei einem Herzfehler andere Probleme hatte. Ich wäre vermutlich die Treppen auf dem Hinweg gar nicht heraufgekommen. Zudem ging ich ab und zu joggen. Das wäre ebenfalls nicht möglich gewesen. Aber natürlich wollte man mich trotzdem untersuchen. Zunächst per Ultraschall.

Ich sah mir mein Herz mit dem Arzt zusammen an. Ein interessanter Anblick. Danach folgte die Messung des Herzschlags. Am Ende hieß es: Alles in Ordnung. Mein Herzschlag war nur etwas schnell, ich wies aber darauf hin, dass ich auf dem Hinweg ein wenig Stress gehabt hatte. Der Arzt nickte und meinte, dass das wohl der Grund dafür sei. Es wäre ansonsten auch alles in Ordnung. Ich ging nach Hause und hatte Zweifel. Mein Herz schlägt zu schnell. Was, wenn das doch nicht mit meinem Hinweg zusammenhängt? Ich fühlte mich noch immer unsicher. Gleichzeitig setzten plötzlich Atembeschwerden ein. Meine Lunge war wie zugeschnürt. Ich schien nicht mehr vernünftig ein- und ausatmen zu können. Gut, dass ich morgen einen Termin bei meinem Hausarzt hatte.

Erneut kam ich zunächst mit den guten Nachrichten. Die Freude meines Arztes unterband ich jedoch schnell mit dem Hinweis auf meine Atemprobleme. Er meinte, dass das normal sei. Ich verstand nicht. Normal? Er erklärte es mir: Diese Atemprobleme kamen nicht überraschend. Ich hatte offensichtlich ein Angstproblem. Seit Wochen plagten mich Todesängste. Ich warf mich von Krankheit auf Krankheit und wurde immer nervöser. Mein Körper befand sich in einem durchgängig angespannten Zustand. Kein Wunder, dass sich das irgendwann bemerkbar machte.

Ich verstand, was er mir sagen wollte, wusste aber nicht, wie ich dieses Problem beheben sollte. Er schon: Er stellte mir eine weitere Überweisung aus. Zur Lungenuntersuchung. Er wusste: Wenn er mir nach und nach alle Ängste nehmen würde, könnte ich mich schon bald wieder entspannen. Ich nickte und ging.

Zu Hause hatte ich noch immer Angst. Ich wusste, dass ich Lungenkrebs hatte. Woher? Ganz klar: Als Kind hin und wieder an einer Zigarette gezogen (es war ja verboten und somit cool) und seit vielen Jahren lebte ich zudem in Frankfurt an einer Hauptstraße. Die Abgase hatten nach und nach meine Lunge zerfressen. Trotz meiner klaren Diagnose fiel die der Lungenuntersuchung ganz anders aus: Alles war in Ordnung. Keine Probleme. Nichts zu finden. Ich war gesund. Schon wieder.

Erneut saß ich vor meinem Hausarzt mit guten Nachrichten. Er fasste zusammen, dass innerhalb der letzten Wochen mein kompletter Körper untersucht und nichts gefunden wurde. Er hatte sogar eine Blutuntersuchung vorgenommen. Ich war gesund. Körperlich. Psychisch war dagenen irgendetwas nicht in Ordnung. Diesmal war ich es, der nickte. Eigentlich war mir das die ganze Zeit über klar gewesen. Es gab seit der ersten beunruhigenden Selbstdiagnose Zweifel. Aber ein Teil meines Kopfes war sich so sicher mit dem nahenden Tod, dass der andere Teil nichts mehr zu sagen hatte. Ich bedankte mich bei meinem Hausarzt und sagte, dass es mir nun besser ginge. Er meinte, dass ich mich wieder melden sollte, wenn etwas sei. Er würde mir auch eine Überweisung zu einem Psychologen ausstellen. Ich nickte zum zweiten mal und ging nach Hause.

Dort dachte ich lange Zeit nach. Ich ließ die letzten Wochen Revue passieren und realisierte immer mehr, wie falsch meine Gedanken doch gewesen sind. Ich bin nicht krank. Ich bin gesund. Natürlich kann man sich niemals 100%ig sicher sein, dass man nichts hat. Das ist niemals der Fall. Doch sollte man Krankheiten nicht hinterherlaufen. Sie kommen ganz von alleine. Dies zu realisieren war ein großer Schritt in die richtige Richtung. Seitdem kämpfe ich fast täglich mit mir selbst.

Noch heute habe ich Angst. Bauchschmerzen? Magenkrebs. Nasenbluten? Gehirntumor. Stechen in der linken Seite? Herz kaputt. Atemprobleme? Lungenkrebs. Stechen in der rechten Seite? Nieren kaputt. Durchfall? Darmparasit. Ich könnte vermutlich stundenlang so weitermachen. Manchmal liege ich nachts in meinem Bett und warte nur darauf, dass ich in meiner linken Seite ein stechen spüre. Sofort ist die Angst wieder da. Stechen an anderen Stellen ignoriere ich dann meistens. Ich warte nur auf die eine Bestätigung.

Leider hat sich die Angst auch ausgebreitet. Sie betrifft nicht nur mich, sondern auch meine Frau. Geht diese alleine in die Stadt, sitze ich zu Hause und mache mir Sorgen. Wird sie überfallen? Kommt sie vielleicht nie wieder nach Hause? Werde ich sie für immer verlieren? Am liebsten würde ich sie nicht mehr alleine lassen. Ich kann mir ein Leben ohne sie gar nicht vorstellen. Was, wenn ich sie plötzlich verliere? Wenn ich darüber nachdenke werde ich immer nervöser. Und erst, wenn sie wieder zu Hause ist, kann ich durchatmen.

Doch auch mein eigenes Zuhause bereitet mir sorgen. Überall stehen technische Geräte. Was, wenn eines davon plötzlich explodiert? Eine falsche Verkabelung, ein Funken und zack: Alles ist weg, alles verloren. Am liebsten würde ich die Technik ganz aus meinem Leben verbannen. Die Gefahr auf ein Minimum reduzieren.

Diese Ängste gehören zum Schlimmsten, was einem Menschen passieren kann, denn man kann sie im Grunde niemals ausschließen. Natürlich kann plötzlich die Wohnung abbrennen. Natürlich ereignen sich hin und wieder tödliche Unfälle. Und niemand ist vor Krankheiten geschützt. Aber man darf diese Angst nicht zu seinem Lebensmittelpunkt werden lassen.

Der Tiefpunkt ist erreicht, wenn man den eigenen Ärzten nicht mehr glaubt. Man unterstellt ihnen Fehler und meint, alles besser zu wissen. Man vertraut ihnen nicht mehr. Und spätestens hier ist man an einem Punkt angelangt, von dem man sich nur sehr schwer wieder entfernen kann. Die Angst wird zu einem zentralen Punkt im eigenen Leben.

Das wollte ich aber nicht zulassen. Es konnte so nicht weitergehen. Ich musste mich aus diesem Angstsumpf ziehen. Ein ehemals lustiger und optimistischer Mensch schaufelte sich hier gerade sein eigenes Grab. Nein, das durfte nicht passieren. Also konfrontierte ich mich selbst mit den Fakten. Kam Angst in mir hoch, redete ich auf sie ein. Ich verdrängte sie nicht, ich entkräftete sie. Mit Übungen, Tests und anderen Dingen. Herz- und Atemprobleme? Warum kann ich dann zig Minuten am Stück joggen? Und warum hören die Herzprobleme auf, wenn ich Rückengymnastik mache? Und der Gehirntumor? Warum meldet er sich immer nur, wenn ich erkältet bin? Und plötzlich auftretendes Nasenbluten? Das hatte ich schon seit der Grundschulzeit und war deswegen auch beim Arzt. Meine Nase ist lediglich empfindlich. Die Feuergefahr durch technische Geräte kann man so ebenfalls abschwächen und die Verlustängste bei der eigenen Frau sind ja auch irgendwie ein gutes Zeichen. Wären sie nicht vorhanden, hätte ich eigentlich größere Probleme.

Diese Gedanken haben mich nach und nach wieder aufgebaut. Hin und wieder kommen meine Ängste zwar doch noch durch, doch gebe ich mich ihnen nicht mehr einfach so hin. Ich stelle mich ihnen und denke über sie nach. Ich erzähle meiner Frau von ihnen, wir reden zusammen darüber und so schaffe ich es immer wieder, sie zu überwinden. Ich baue mich selbst wieder auf und bin sicher, sie irgendwann wieder zu verlieren. Eine der wichtigsten Regeln in dieser Hinsicht lautet übrigens: Suche bei kleinen Wehwehchen niemals im Internet nach Ursachen. Wenn du unbedingt etwas darüber erfahren möchtest, geh zum Hausarzt. Und ganz wichtig: Vertraue den Ärzten. Ich rede nicht von blindem Vertrauen. Hinterfrage, sei skeptisch. Wenn die Fakten aber für Gesundheit sprechen, erfinde keine neuen dagegen. Ja, es gibt Arztfehler. Man sollte sich aber nicht selbst zu einem machen.

(14.10.2010)
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Sven Himmen