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Eine Wespe verbreitet noch lange keine Ruhe
Sollte sich am Ende meines Lebens herausstellen, dass eine an Wiedergeburt glaubende Glaubensgemeinschaft Recht hatte, möchte ich sicherheitshalber einen Wunsch äußern: Liebe anführende Gottheit / Gottheitin / Gottheiten, in meinem nächsten Leben wäre ich gerne eine Wespe. Und nicht nur das: Ich würde gerne in einem Bahnwaggon hausen. Wespe, wäre das ein tolles Leben, denn so würde es sich abspielen:

Die meiste Zeit verstecke ich mich in den Lüftungssystemen des Zugs und nur zwischendurch komme ich heraus, um von all den Essensresten zu zehren, die Menschen während einer Bahnfahrt so auf den Boden fallen lassen. Was für ein Schlaraffenland des guten Geschmacks! Ein Glück, dass Menschen so dreckig sind. Nach meinen Malzeiten ziehe ich mich wieder zurück, döse vor mich hin, düse durch die Welt und lasse es mir gut gehen.

Natürlich wäre ein solches Leben, selbst für einen Faulchitinpanzer wie mich, ein wenig langweilig. Aber zum Glück weiß ich mir die Zeit zu vertreiben. Zum Beispiel mit wahllosem hin und her fliegen im Abteil. Selbstverständlich nur dann, wenn der Zug gut gefüllt ist. Was ich auf diese einfache Weise doch für Panik erzeugen kann, herrlich. Aber gut, ich gehöre ja auch zu den gefährlichsten Tieren des Planeten. Mit Abstand!

Mein Terrorplan läuft immer gleich ab: Zunächst einmal fliege ich quer durch das gesamte Abteil, damit auch jeder von meiner Existenz weiß. Anschließend verstecke ich mich für einen kurzen Moment wieder und beobachte die Menschen. "Wo ist sie hin?", "Da hinten habe ich sie zuletzt gesehen." gepaart mit nervösen Blicken. Großartig. Dann kommt mein großer Auftritt: Ich suche mir ein Plätzchen, an dem sich möglichst viele Menschen versammeln, drehe dort ganz entspannt meine Runden und lache laut vor mich hin, während um mich herum alle Reißaus nehmen.

Das Ergebnis meiner Tat ist immer das Gleiche: Menschen geraten in Panik. Es ist beeindruckend, dass ich kleines Geschöpf eine ganze Menschengruppe in fiepende und zuckende Kleinkinder verwandeln kann. Plötzlich gibt es im Zug nichts anderes mehr, als mich. Wildfremde Menschen reden auf einmal miteinander, denn sie verbindet die gemeinsame Furcht vor dem durch mich verkörperten Grauen. Immer wieder betonen sie, dass ich ja nur auf jemanden losgehe, wenn man mich nervös macht und werden dabei selbst so nervös, dass sie sich nicht mehr kontrollieren können.

Gestern zum Beispiel sprangen doch tatsächlich fünf erwachsene Menschen ängstlich auf und zogen sich in die durch eine Tür vom Rest des Abteils abgetrennte erste Klasse zurück. Dort saßen sie dann und beobachteten mich durch die Glasscheibe. Eine halbe Stunde lang. Meine Anwesenheit sprach sich schnell im ganzen Abteil herum, schließlich zogen sich die in meiner Reichweite sitzenden Menschen nach und nach in die hinteren Bereiche des Zugs zurück und warnten auf dem Weg dorthin jeden, der von mir noch nichts wusste. Ich war nicht nur Gesprächsthema Nummer eins, sondern folgte ihnen auf Schritt und Tritt. Sie waren damit vollkommen überfordert und jeder, der seinen Zielbahnhof erreichte, verließ den Zug mit schnellen Schritten und erleichtertem Seufzen. Ich stehe wirklich gerne im Rampenlicht. Gestern war toll. Mein Leben ist toll.

Und darum wäre ich gerne eine Wespe.

(18.11.2010)
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Sven Himmen