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Die Wonne der blinden Vegetarier
Nichtvegetarier haben es schwer. Diesen Schluss ziehe ich aus den Geschehnissen in einem Speisesaal. Nichtsahnend fasste ich freudig den Entschluss, mein mich gerade überkommendes Sättigungsbedürfnis durch das Erwerben eines gesunden Salates zu befriedigen, da wurde ich auch prompt an dem durch meine Anwesenheit besetzten Tisch von einem Mitbesetzer gefragt, ob ich Vegetarier sei. "Nein, der Herr." antwortete ich. "Auch wenn die von mir gewählte Speise ebenfalls für Vegetarier von Interesse seien mag, bestreite ich die Zugehörigkeit zu dieser von mir nicht gerade mit Wohlgefallen überhäuften Gruppierung." Dies war jetzt zwar kein wörtliches Zitat der aus meinen Mund strömenden Worte aber ein ziemlich genauer Auszug aus meiner zu diesem Zeitpunkt von Aufregung beflügelten Gedankenwelt.

Ist es mit den Vorurteilen der Leute jetzt schon so weit gekommen, dass man nichts mehr essen darf, was eine Randgruppe für sein Lebensziel erklärt hat? Darf ich mich nicht mehr an den wohlgeformten frischen Blättern laben, mit denen uns Mutter Natur verwöhnen und beglücken möchte? Darf ich keine Paprika mehr essen, weil diese von Vegetariern für sich beansprucht wurde?

Also bitte, liebe Mitmenschen. Verschont mich mit solchen Verdächtigungen. Zumal ich von Vegetariern, wie bereits angesprochen, herzlich wenig halte. Warum sollte ich dem Fleisch verneinen, wenn es aufgrund der menschlichen Gebissstruktur zum genüsslichen Verspeisen vorgesehen ist?

Nun höre ich viele laute und empörte Zurufe: "Weil das Fleisch einmal gelebt hat!" Da kann ich kontern: "Lebt Salat nicht?" frage ich die plötzlich verstummenden und in betretenem Schweigen verharrenden Grasgesichter. Salat lebt vielleicht nicht im Sinne von Menschen. Mit Salat reden können nur Leute, die aufgrund der Tatsache, dass sie behaupten, sie könnten mit Grünzeug reden, sicherheitshalber weggesperrt wurden. Und auch das Pulsmessen oder ähnlich medizinische Untersuchungen waren bisher lediglich von Misserfolg gekrönt. Doch gibt es nicht vielleicht eine andere Form des "Lebens", der Salat sowie alle anderen pflanzlichen Produkte aus Herzenslust frönen?

"Aber wir essen nichts, was uns vorher angesehen hat!" schreit nun die letzte und verzweifelte Front der Vegetarierbefürworter. Und erneut kontere ich: "Mich hat bisher noch keines der Schnitzel, die ich nach genüsslichem Kauen hinuntergeschluckt habe, vorher angesehen. Ich pflege stets in Häuser zu mahlen, in denen das Schlachten und darauffolgende Bearbeiten des Schlachtguts stets außer Sichtweite der Gäste vollbracht wird. Ich weiß nicht, wie das bei euch grünbesessenen Barbarenvölkern Sitte und Brauch ist, doch ich pflege stets in Sichtweite der Lebenden zu dinieren." Und auch, wenn die Aussage der Befürworter nur auf einer metaphorischen Ebene zu deuten ist: Was wäre dann mit Fleisch von blinden Tieren? Die haben bestimmt niemanden "vor dem Verspeisen angesehen". Und wenn die ach so gewitzte Wissenschaft es vollbringt, Tiere ohne Augen zu züchten? Wird dann das "Blindschnitzel" oder das "Schnitzel Blinder Art" das neue Leibgericht der Vegetarier?

Oder noch besser: Totes Fleisch von blinden Tieren klonen! Da wird es dann noch schwieriger für die Vegetarier mit ihrer negativen Einstellung zur Fleischeslust. Doch ich verirre mich gerade ein wenig in den Dimensionen des Abschweifens. Also wieder zurück auf den Boden der Tatsachen.

Zuletzt kommen nämlich noch die deutlich von Verzweiflung zerfressenen Zwischenrufe von der letzten von Grasfressen besetzten Bank: "Aber mein Bruder ist das auch und der sagt immer, das sei total töfte!" Doch diese Zwischenrufer gehören aufgrund brutalster Lächerlichkeit zerstückelt und zermahlen, um so in Form von Tiermehlersatz meinem nächstes Schnitzel als Nahrung zu dienen.

Für mich ist Fleisch unverzichtbar und diese Kressefressen vergessen tatsächlich das beste am essen. Doch oh weh, welch reimerische Klänge durchforsten da meine Zeilen? Hinfort mit der dichterischen Wonne. Die Wonne in die Tonne und weiter im Text, denn ich drohe gefährlich nahe an den Abgrund der Beleidigung zu geraten. Um mein feines Köpfchen aus der Schlinge der Nahtoderfahrung zu ziehen und nicht ein Leben in Angst vor einer Randgruppe fristen zu müssen folgen nun ein paar zum Vertragen anregende Worte:

An alle Vegetarier und solche, die gedenken, dies zu werden: Lebt so, wie ihr möchtet.

Genug der Friedensstifterei. Denn oh holde Angesprochenen: Erhofft euch keine Zustimmung von einem überzeugtem Fleischvernichter wie ich es einer bin. Und bitte, liebe Allgemeinheit: Verschone mich mit der Behauptung, ich sei ein Vegetarier, nur weil ich mich dem Salate widme. Mit solch angeblichen Tatsachen könnt ihr um euch werfen, wenn ihr alt und greis seid, denn dann nimmt es euch niemand übel, wenn ihr verquirlten Blödsinn redet. Im Alter gelten alle Worte als weise und durchdacht. Dort könnt ihr Unterstellungen vom Stapel lassen, die als philosophische Redensarten in die Annalen einziehen werden. Aber im jungen Alter macht ihr euch lediglich lächerlich und zum Gespött der schreibenden Leute.

Auf meinem Zettel mit den Stichpunkten über diesen Text befindet sich noch eine einsame Notiz, die mich dezent daran erinnert, dass ich etwas lustiges über das Wort "Schuhanzieher" schreiben wollte. Leider ist mir auch nach reichlich Nachgedenke nichts lustiges zu diesem Worte eingefallen. Der Vergleich von einer Person, die sich Schuhe anzieht mit einem Hilfsmittel, welches einen bei dieser Tätigkeit unterstützt, ist einfach nicht lustig und somit kein würdiger Abschluss für einen Text über das Dahinvegetarieren der Bevölkerung.

Doch genauso sinnlos, wie ein Witz über unlustige Dinge, ist in meinen Augen auch der Verzicht auf die fleischige Lust am Leben. Der Vergleich hinkt vielleicht ein wenig, doch kann ich dem Vergleich zum Gehhinkeunterbinden einfach sein noch intaktes Bein abnagen, denn ohne Beine ist schlecht Hinken und da ich kein Vegetarier bin, kann ich den Prozess des Nagens auch ohne von seelischen Gewissensbissen gepeinigt zu werden durchführen.

(30.08.2005)
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Sven Himmen