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Darf Böhmermann alle Pommes essen?
Ein paar Worte zu Jan Böhmermann. Eigentlich sollten es nicht so viele werden, doch es kamen einfach immer neue hinzu. Ursprünglich war dieser Text eine Antwort auf einen Beitrag in einem Forum, doch habe ich das Ganze etwas umgeschrieben, um es auch hier einmal zu posten. Die Pommes sind mittlerweile selbstverständlich weg.

Ich finde die ganze Geschichte um Böhmermann und Erdogan zwar spannend zu verfolgen, finde es aber genauso anstrengend zu beobachten, wie hierbei alles nur erdenkliche in einen Topf geworfen wird, was besser voneinander getrennt betrachtet werden sollte. Die einen mögen Böhmermann nicht, die anderen sagen, Satire dürfe alles. Die einen sagen, man verstünde Satire nicht, die anderen sind gegen den Paragraphen, der Staatsoberhäupter vor Beleidigungen schützt. Und so weiter und so weiter. All diese Dinge machen eine Diskussion unglaublich mühselig.

Vor allem ein "Ich mag Böhmermann nicht." halte ich für fast genauso schlimm wie das häufig darauf folgende "Ich bin damit vermutlich der Einzige.". Man ist nie der Einzige und wenn man es behauptet, wirkt es so, als wolle man sich als etwas Besseres darstellen als der Rest der Bevölkerung. "Keiner sieht, was ich sehe." Ob das letztendlich so gemeint ist oder nicht, ist vollkommen egal, denn hier spielt eben auch der Hörer eine wichtige Rolle und nicht nur der Sprecher (was übrigens auch auf Satire zutrifft, aber dazu später mehr). Vor allem in dieser aktuellen Diskussion ist das Berufen auf Einzigartigkeit aber auch überhaupt nicht nachvollziehbar, da ich sehr viel Kritik am Moderator mitbekommen habe.

Ob man Böhmermann nun mag oder nicht, spielt letztendlich überhaupt keine Rolle. Ich halte einen Großteil seiner Witze nicht für gut. Ich mochte "Polizei" nicht und das "Germany"-Ding war zwar besser, aber auch problematisch. Ich gucke deswegen seine Sendung nicht. Aber ich verfolge die Dinge, die er in der Welt der Medien auslöst. Weil er DAS eben doch macht. Er schafft es, Menschen nervös zu machen und zum Diskutieren anzuregen. Und das finde ich toll. Das Niveau, auf dem diskutiert wird, mag mal so und mal so ausfallen, doch spielt auch das keine Rolle (da es vor allem nicht immer Böhmermanns Schuld ist). Man sollte Böhmermann weder zu einem Heiligen erklären noch sich wünschen, dass er jetzt in den Knast kommt. Er ist eine öffentliche Person, die das macht, was sie ihrer Meinung nach gut kann. Selbstverständlich darf man diese Taten kritisieren. Das sollte man sogar. Mache ich ja auch. Aber wenn man sich wünscht, "dass diesem vorlauten Penner für sein Gedicht ordentlich eins reingewürgt wird" [Zitat aus besagtem Forum], ist die Diskussion für mich im Grunde gestorben. Es geht hier um so viel mehr als um: "Der ist mir unsympathisch."

Dann ist da das Ding mit der Satire. "Satire darf alles" halte ich für albern. Wie wir sehen, darf Satire in Deutschland nicht alles. Was ist überhaupt Satire? Wo fängt sie an und wo hört sie auf? Unzählige Seminare werden jedes Semester an Universitäten auf der ganzen Welt zu diesem Thema abgehalten. Wenn Böhmermann eins geschafft hat, dann genau diese Diskussion in die Öffentlichkeit zu rücken. War das Gedicht Satire? War es eine Schmähkritik, die durch die Rahmengeschichte in eine Satire verpackt wurde und dadurch ebenfalls zu einer wurde? Oder bleibt die Schmähkritik in der Satire trotzdem was sie ist, nämlich eine Schmähkritik? Tja. Ich kann diese Fragen nicht für alle beantworten, weil es auf sie keine richtige Antwort gibt, sondern lediglich Meinungen. Es ist für manche Menschen schwer zu akzeptieren, dass es keine allgemeingültigen Antworten gibt, doch ist das leider häufiger der Fall, als man es wahrhaben will. Auch die endgültige Entscheidung des Gerichts ist in diesem Fall nichts, was das Problem aus der Welt schafft. Satire hängt auch vom Hörer ab. Was der Sprecher will, ist nicht zu 100% ausschlaggebend. Es zählt immer das Gesamtbild. Und nicht jeder muss das denken, was ein anderer denkt.

Eine kurze Kritik: Die Art und Weise, wie Böhmermann seinen Beitrag gestaltet hat, halte ich für unoriginell. Dieses "Ich sage, was man nicht sagen soll, sage, dass man es nicht sagen soll, und sage dadurch, was man nicht sagen soll, ohne dass man es mir vorwerfen kann." mag ich nicht, weil ich es für billig halte. Meine Frau hat da ein schönes Beispiel genannt: Stell dich vor einen Polizisten und sag: "Ich würde Sie jetzt ein verkacktes Drecksarschloch und einen vollidiotischen Volldepp nennen, aber natürlich mache ich das nicht, weil ich dann Ärger bekäme." [So lautete das Beispiel meiner Frau nicht wortwörtlich, ich habe es um eigene Beleidigungen ergänzt.] Was würde passieren? Beleidigung oder nicht? Satire?

Der von mir so geschätzte Alligatoah schafft es auf eine unglaublich beeindruckende und bewundernswerte Art und Weise, Menschengruppen bloßzustellen, ohne dabei mit billigen Beleidigungen um sich zu werfen oder "Ich sage nicht, dass es so ist, aber es ist so." zu sagen. Natürlich wollte Böhmermann Aufmerksamkeit erregen. Und Beleidigungen sind da natürlich genau das richtige Mittel. Ist aber nicht mein Ding. Oder mein Stil. Oder was auch immer. Entscheidend ist, dass die Wortwahl meiner Meinung nach unangebracht war, die Beleidigungen genutzt wurden, um zu beleidigen und das Lachen des Publikums ausschließlich auf diesen basierte. Wirklich etwas ausgesagt wurde hier nicht, es wurde beleidigt. Natürlich unter dem Deckmantel der Satire. Indem man sagt, was man nicht sagen soll, und immer wieder betont, dass man das nicht sagen soll. Damit hat sich Böhmermann nun eben selbst in den Fuß geschossen und den Anwälten eine Steilvorlage geliefert. Wollte er das? Konnte er ahnen, dass es so weit gehen würde? Ich weiß es nicht und um darüber zu spekulieren, bin ich zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Pommes essen zum Beispiel. Der Fall kann nur von Böhmermann und dessen Redaktion aufgeklärt werden. Wer was wollte? Das zu entscheiden oder auch nur zu vermuten liegt nicht in meiner Macht.

Jeder Hörer muss für sich entscheiden, ob er etwas als Satire betrachtet oder nicht. Und selbst WENN er es als Satire betrachtet, muss er es noch lange nicht lustig finden. Ich kann mich von einem satirischen Beitrag beleidigt fühlen. Das DARF ich sogar. Wenn eine Textgattung wie die Satire alles darf, dann darf ich als Wesen der Gattung Mensch ja wohl auch so einiges. Als der Rapper Moneyboy abartige Tweets über einen Flugzeugabsturz veröffentlichte, fand ich das absolut unangebracht und konnte nur mit dem Kopf schütteln, als andere meinten, es sei nur Satire und wer das ernst nähme, verstünde den Künstler Moneyboy nicht. Hätte ich Moneyboy deswegen gerne im Knast gesehen? Nein! Natürlich nicht!

Das eigentliche Problem ist in der ganzen Geschichte doch dieser berühmte Paragraph, der das Beleidigen von politischen Oberhäuptern verbietet und es diesen ermöglicht, andere Menschen anzuzeigen. Ich kenne mich in dieser Materie nicht aus, wodurch ich hier mit meinen Äußerungen vorsichtig bin. In dieses Thema reinlesen werde ich mich frühestens am Wochenende, da ich, wie bereits gesagt, mit dem Verspeisen von Pommes beschäftigt bin. Nur eine Sache: Gibt es diesen Paragraphen in der Form, in der ich ihn oben grob und vermutlich falsch zusammengefasst habe, dann gehört dieser abgeschafft. Und das sage ich nicht als Böhmermann-Fan und nicht als "Satire darf alles"-Vertreter. Ich bin nichts von beidem. Ich sehe jedoch nicht ein, warum Staatsoberhäupter extra vor Beleidigungen geschützt werden sollten. Dieser Paragraph klingt veraltet. Ich begebe mich hier jedoch auf ganz dünnes Eis. Ich weiß nichts über den Paragraphen, weiß nicht, warum es ihn gibt, wie er zustande kam und wie er lautet. Ich will mich dazu nicht weiter äußern.

Dennoch hoffe ich, dass durch diese ganze Debatte über den Paragraphen nachgedacht wird. Ich will nicht, dass jemand verurteilt wird, weil er in einer öffentlichen Sendung einen Staatsmann beleidigt hat, auch wenn das auf äußerst plumpe Art und Weise geschah. Oder Moment, ich will das konkretisieren: Ich will nicht, dass es WEGEN DES ANGESPROCHENEN PARAGRAPHEN geschieht. Wenn Böhmermann verklagt wird, dann wegen Beleidigung eines Menschen, nicht wegen Beleidigung eines Staatsoberhaupts.

Und was Satire darf und was nicht, das darf bitte weiterhin jeder für sich entscheiden. Auch ein Gedicht darf alles. Auch eine Kritik darf alles. Auch ein Witz darf alles. Auch ein Drama darf alles. Es sei denn, man verstößt damit gegen Gesetze. Dann darf man plötzlich gar nicht mehr alles. Oder eben gerade doch. Um auf Fehler im System hinzuweisen. Ich darf auch alles. Ich darf jetzt zum Beispiel zum Ende kommen, weil meine Pommes langsam kalt werden. Ich könnte jetzt noch über das "dürfen" sprechen, was ebenfalls problematisch ist, weil ich nicht verstehe, warum man definieren muss, was eine Textgattung "darf", doch lasse ich das sein. Weil ich es darf. Außerdem: Pommes.

(15.04.2016)
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Sven Himmen