Robinson Crusoe (Daniel Dafoe)

Ich habe letztens bei uns im Garten einen kleinen, vielleicht dreißig Zentimeter hohen Zaun aufgestellt. Ich wollte im folgenden Frühjahr diverses Pflanzenzeug im Garten anpflanzen und dafür den Bereich abstecken. Zunächst habe ich mit einer Hacke grob markiert, wo der Zaun stehen soll. Anschließend wurde gehackt, wie es drei Pfund anthropomorphes Gehacktes mit einer Hacke in der Hand nicht besser hätte tun können. Heute, etwa achtundzwanzig Jahre später, besitze ich über vierzig Ziegen, esse jeden Tag Rosinen und habe mir eine Sommerresidenz im anliegenden Wald errichtet.

Es fällt mir schwer, über »Robinson Crusoe« zu schreiben. Darum war diese Einleitung notwendig. Um warm zu werden. Ich glaube, dass es sich bei »Robinson Crusoe« um ein Buch handelt, das jeder kennt, auch ohne es gelesen zu haben. Genau hier liegt das Problem, denn auch ich war einer von denen, die dachten, dass es sich hier um eine seichte Abenteuergeschichte handelt, in der ein Mann auf einer Insel überleben muss und währenddessen allerlei Abenteuer erlebt. Und natürlich ist »Robinson Crusoe« genau das. Aber es steckt noch viel mehr in diesem Buch. Und dieses Mehr kann man leider nur als unangenehm bezeichnen.

Bis Robinson auf der Insel strandet, dauert es viele, viele Seiten. Er erlebt zuvor einige Reisen und auch einige Unglücke. Bevor ich zum zuvor angedeuteten Unangenehmen komme, möchte ich mit dem Teil beginnen, der mich äußerst amüsiert hat.

Der junge Robinson erzählt eines Tages seinem Vater, dass er Entdecker werden möchte. Da der Film »Truman Show« zu dieser Zeit noch nicht existierte, konnte der Vater keine Weltkarte hervorziehen und sagen: »Aber es wurde doch schon alles entdeckt!« Der Vater ärgert sich nicht lange über diesen Umstand, sondern drückt stattdessen auf die Tränendrüse. Robinson würde auf seinen Reisen nichts anderes finden als Unglück. Einer seiner Brüder galt bereits als im Krieg verschollen, der Vater war Mitglied des gehobenen Mittelstandes, hatte genug verdient, um seinem Sohn ein angenehmes Leben gestalten zu können, und überhaupt: das Unglück.

Selbstverständlich hört der Sohn nicht auf den Vater. Er betritt eines Tages spontan ein Schiff und die Reise beginnt. Das Schiff gerät umgehend in einen Sturm und Robinson schwört sich, sobald er den sicheren Hafen erreicht habe, wieder nach Hause zu fahren. Natürlich macht er das nicht. Das Schiff übersteht den Sturm und Robinson lacht über seine Überreaktion. Er fährt weiter. Es gibt einen weiteren Sturm. Das Schiff geht unter. Die Besatzung rettet sich mit einem kleinen Boot an einen Hafen. Robinson lernt nichts daraus. Stattdessen erzählt er dem Kapitän des gesunkenen Schiffes von sich und seinem Streit mit dem Vater. Der Kapitän reagiert gereizt. Was fällt Robinson ein, sein Schiff zu betreten? Jemand wie er kann nur Unglück bringen. Er solle sich nie wieder in seine Nähe begeben. Und vor allem solle er sich nie wieder auf irgendein Schiff begeben.

All das war wundervoll zu lesen, wenn man weiß, worum es in »Robinson Crusoe« geht. Wenn man weiß, dass Robinson tatsächlich verunglücken wird. Alle warnen ihn. Er hört auf niemanden. Das Verderben scheint unausweichlich, solange er nicht auf die Alten hört. Die es besser wissen als er. Die am Ende sagen können: »Wir haben es ja gewusst. Hätte er mal besser auf uns gehört.« Aber er hört nicht. Bevor er auf der Insel landet, wird er sogar von Piraten gefangen genommen und als Sklave gehalten. Viele Monate lang. Immer wieder dachte ich als Leser: »Gleich ist es so weit. Gleich landet er auf der Insel!« Aber es sollte über sechzig kleingedruckte Seiten dauern, bis das Unglück eintraf, auf das alle gewartet und vor dem alle ihn gewarnt haben.

So. Jetzt aber genug der positiven Worte. Kommen wir zum Unangenehmen. Welche Reise wurde Robinson denn jetzt zum Verhängnis? Die Flucht vor Piraten? Eine Handels- oder gar Entdeckungsreise? Nein. Welche Reise ihn letztendlich auf die Insel verfrachtete, wird vermutlich gerne mal verschwiegen. Oder geändert. Ich weiß nicht, wie die Kinderbuchversionen von Robinson in dieser Hinsicht vorgehen. Wer nach meinen anfänglich freundlichen Worten weitere angenehme Themen in dieser Rezension erwartet, wird jetzt leider eine ganze Weile lang enttäuscht.

Robinson hatte sich gerade aufgemacht, um Sklaven zu besorgen. Schwarze Sklaven. Für seine Plantage in Brasilien. Und die Plantagen seiner Nachbarn. Die alle gerne ein paar… an dieser Stelle bitte das deutsche N-Wort einfügen… für ihre Plantagen haben wollten. Damit ihnen die Arbeit leichter fällt. Sie möchten diese Menschen nicht einmal bei offiziellen Händlern kaufen, sondern stattdessen selbst aus irgendwelchen Dörfern holen. Weil das billiger ist. Robinson, der in der Gegend, in der es diese Dörfer gibt, schon ein bisschen Erfahrung hat sammeln können, erklärt sich dazu bereit, die Reise anzutreten. Während dieser Reise kommt es zu dem Unglück, das ihn auf seine Insel verschlägt. Es war nicht die von ihm in seiner Jugend dem Vater vorgetragene Entdeckungsreise. Es war nicht die Suche nach dem großen Abenteuer. Es war das Ziel, Menschen als Sklaven aus ihren Dörfern zu entführen.

In »Robinson Crusoe« wird man mit allen Begriffen bombardiert, die einem zum Thema Rassismus gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe einfallen. Klar. So war das eben damals. So hat man früher geschrieben. Das macht es aus heutiger Sicht aber nicht weniger schlimm. Ich musste immer wieder mit dem Kopf schütteln und konnte einfach nicht glauben, was ich da lesen musste. »Robinson Crusoe« ist kein Buch, das man einem Kind in die Hand drücken sollte, ohne mit ihm über besagtes Thema zu sprechen. Nein, selbst dann sollte man es, in der Originalfassung, keinem Kind geben. Nicht wegen der Brutalität. Wegen des Rassismus.

Dabei geht es nicht nur um Sklaven. Es geht auch um Bezeichnungen wie »Wilde«. Immer wieder wird diesen Menschen Kannibalismus vorgeworfen. Sie seien gefährlich. Von Natur aus. Man müsse sie befreien. Und so weiter. Die Zeit vor Robinsons Inselaufenthalt ist in dieser Hinsicht besonders schlimm gewesen.

Dann kommt es aber endlich! Das Unglück! Robinson landet alleine auf der Insel und es beginnt das, worauf man so lange gewartet hat. Robinson ist auf sich allein gestellt und muss um sein Überleben kämpfen. Dabei hat er immer wieder enormes Glück. Im Wrack seines alten Schiffs findet er alles, um sich ein neues Leben aufzubauen. Mehrere Gewehre, genug Pulver, ein wenig Nahrung und Werkzeug. Aber da hört sein Glück im Unglück nicht auf. Er schüttet beiläufig einen Sack voller alter Kornreste einen Berg hinunter, nur um Monate später festzustellen, dass sich noch ein paar gute Körner in ihm befunden hatten, die durch puren Zufall an der Seite des Berges landeten, die die idealen Bedingungen für sie bot, um zu wachsen. Plötzlich gibt es Getreide und Reis. Wieder hat das Glück zugeschlagen.

Obwohl Robinson um sein Überleben kämpfen muss, kommt das während der Erzählung nur sehr selten wirklich dramatisch rüber. Robinson selbst erzählt uns aus der Ich-Perspektive von seinen Erlebnissen. Dass er überleben wird, wissen wir somit von Anfang an. Immer wieder deutet er Dinge an, die sich erst viele Jahre später ereignen werden. Manchmal scheint er etwas vergessen zu haben und spricht beispielsweise plötzlich von einem Hund und zwei Katzen, die er ebenfalls von Bord des Schiffes gerettet hatte, obwohl von ihnen zuvor wochenlang nicht die Rede war. Es wirkt tatsächlich wie die Erzählung eines Mannes, der versucht, sich an alles zu erinnern, was ihm widerfahren ist. Ich mag diesen Erzählstil. Und er passt sehr gut zu »Robinson Crusoe«.

Gleichzeitig redet Robinson über vieles mit einer Leichtigkeit, die einen fast schon davon überzeugen könnte, alle Hindernisse im eigenen Leben überwinden zu können, wenn man sich nur nicht zu viele Gedanken macht. Ja, es wird auch manchmal gejammert und getrauert, trotzdem schafft es Robinson immer wieder, seine Zweifel auszuräumen und Fehlschläge in etwas Positives zu verwandeln. Zwei Drittel der Saat geht nicht auf? Nicht schlimm. Ich habe ja noch ein Drittel. Dann muss ich in nächster Zeit eben von etwas anderem Leben. So zieht es sich durch das ganze Buch und beinahe wünscht man sich, ebenso optimistisch durchs Leben laufen zu können wie Robinson. Es ist schon alles nicht so schlimm. Irgendwie wird das alles schon werden.

Leider kommt dann aber bereits nach kurzer Zeit die Religion angeschlurft. War Robinson vor seinem Inselaufenthalt nicht sehr angetan von Gottes Werk, beginnt er mit der Zeit, diesem immer mehr für alles zu danken, was er für ihn getan hat. Dieser Lebenswandel hat dem Ganzen einen bitteren Nachgeschmack gegeben. Nicht Robinson hat sich selbst den Arsch gerettet. Nein, es war Gottes Wille. Ich verstehe bis heute nicht, wie sich Gläubige mit einer solchen Sicht auf die Dinge motivieren können, etwas zu tun. Aber gut, ich habe auch viele Wochen gebraucht, um endlich diesen blöden Zaun im Garten aufzustellen. Es war sogar bereits Gras durch die Bretter gewachsen, wodurch ich den Zaun buchstäblich aus dem Erdboden reißen musste, als ich ihn aufheben wollte. Robinson wäre das nicht passiert.

Wobei ich mir da gar nicht so sicher bin. Ich hatte ja keine Ahnung, dass Robinson ganze achtundzwanzig Jahre lang auf seiner Insel hocken musste. Dafür ist das Buch mit seinen vierhundert Seiten eigentlich ziemlich dünn geraten. Aber gut. Es gibt immer wieder Zeitsprünge. Manchmal von mehreren Wochen. Manchmal sogar von mehreren Jahren. Eine weitere Sache, die das Buch gut hinbekommen hat. Man verliert irgendwann das Zeitgefühl, wenn der Erzähler in einem Nebensatz erzählt, dass das Errichten einer Palisade drei Jahre gedauert hat. Man denkt sich: Wow. Das ist lang! Aber dann sagt man sich gleichzeitig: Er hockt halt alleine auf einer Insel. Und da dauert das Herstellen eines Bretts gleich mal mehrere Wochen. Ein Zaun? Ein gigantisches Mammutprojekt. So wie der Zaun bei mir im Garten. Zumindest ein bisschen. Nein, eigentlich gar nicht. Ja, ich bin faul.

Ich will an dieser Stelle betonen, dass es dem Buch niemals gelingt, von der Rassismussache abzulenken. Es hat lediglich ein paar gute Seiten, die diese hin und wieder durchbrechen. Es ist wirklich faszinierend mitanzulesen, wie Robinson es sich auf der Insel immer gemütlicher macht. Er nicht nur seine sogenannte Burg, sondern später gar eine Sommerresidenz hat. Und eine versteckte Höhle. Und über vierzig Ziegen. Und riesige Getreidefelder. Das sind die Momente, die man von diesem Buch erwartet. Robinson ist ein Überlebenskünstler, dessen Optimismus nur von seinem Glück übertroffen wird. Nein, ich muss mich sofort korrigieren: Robinson ist kein Überlebenskünstler. Er ist der größte Glückspilz, den man in einem Wald finden kann. Drei Jahre Pilzsuppe konnte man aus Robinson pressen. Mindestens.

Irgendwann weiß man schon gar nicht mehr, ob das Ganze jetzt langweilig oder lächerlich ist. Die Infrastruktur auf der Insel ist nach einigen Jahren so perfekt, dass keinerlei Risiko mehr besteht. Und Robinson stolpert durch jede Situation mit mehr Glück als Verstand. Der Anbau von Getreide funktioniert. Die Ziegenzucht ebenfalls. Er höhlt einen halben Hügel aus, ohne dass dieser zusammenbricht. Und immer wieder klappt es. Er überlebt einfach. Und erzählt davon, als wäre es eine Sache, die er nebenbei beim Fußballgucken gemacht hat.

Aber keine Sorge: Immer, wenn man gerade dabei ist, das Buch als langweilig und langatmig zu bezeichnen, oder über die Lächerlichkeit lachen möchte, kommt der ekelhafte Rassismus wieder um die Ecke gekrochen. Dieser verdammte Mistkerl.

Hin und wieder besuchen beispielsweise Kannibalen die Insel, die einfach nur mit ihren Kanus am Strand anlegen, um dort ein paar Gefangene zu essen. Sie tauchen lediglich auf, um die Leser*innen in konstanter Regelmäßigkeit an die Gefahr der Wilden zu erinnern, die allgegenwärtig ist. Sie könnten jederzeit über uns herfallen und uns essen. Einfach so. Sie haben schließlich nichts Besseres im Sinn.

Und dann kam der Moment, an dem das ganze Buch in einen Bereich kippte, der alles übertraf, was ich befürchtet hatte. Freitag erscheint. Der arme Freitag. Den ich immer als einen Freund Robinsons gesehen hatte. Damals. Als ich das Buch noch nicht gekannt hatte. Jedoch ist die Figur des Freitag nichts anderes als, wir kennen das Wort bereits, unangenehm.

Freitag gehört einem Stamm von Wilden an, der sich mit einem anderen Stamm im Krieg befindet. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich das Wort »Wilde« nicht gerne verwende, aber es ist von allen im Buch verwendeten Wörtern noch das harmloseste. Bitte seht es mir nach. Jedenfalls bekriegen sich die beiden Stämme und natürlich sind beide Stämme Kannibalen. Freitags Truppe hat irgendeinen Kampf verloren, den wilde Stämme offensichtlich andauernd gegeneinander austragen, weshalb sie von ihren Feinden gefangen genommen und auf Robinsons Insel verschleppt wurde, um dort verspeist zu werden. Ihr erinnert euch: Kannibalen. Freitag gelingt jedoch die Flucht, er wird über die Insel verfolgt und letztendlich von Robinson aus den Fängen seiner Verfolger gerettet.

Und was macht Robinson? Fragt er den Geretteten nach seinem Namen? Nein. Natürlich nicht. Er verschwendet nicht einmal den Bruchteil eines Gedankens daran. Stattdessen gibt er ihm einen Namen. Wie einem zugelaufenen Haustier. Er benennt diesen Menschen nach einem Wochentag. Weil ihm nichts Besseres einfällt. Oder er es nicht für notwendig hält, sich etwas Besseres auszudenken. Auch bringt er Freitag zunächst wichtige Worte wie »Ja« und »Nein« bei. Oh, und natürlich »Herr«. Weil er sich so von nun an von Freitag ansprechen lässt. Für Freitag ist es anscheinend vollkommen normal, sich Robinson zu unterwerfen. Er fällt vor ihm auf die Knie und gibt sich damit zufrieden, von nun an einen Herren zu haben. Dieses ganze Thema wird innerhalb weniger Zeilen abgefrühstückt und als gegeben hingenommen. Freitag ist ein Wilder und hat deswegen kein Problem damit, sich unterwerfen zu müssen. Es gefällt ihm sogar. Er ist ganz überrascht, als Robinson ihm erklärt, dass er seine Verfolger, die von ihm und Robinson getötet wurden, nicht essen soll. Und es überrascht ihn sogar noch viel mehr, dass man stattdessen das Fleisch von Ziegen essen kann! Ja, die Wilden haben in ihrem ganzen Leben noch nie das Fleisch von Tieren gegessen. Die Wilden verzehren nur sich selbst und ihre Feinde. Aber jetzt zum Glück nicht mehr. Jetzt ist Freitag schließlich bei Robinson. Muss ich erwähnen, dass Robinson sofort damit beginnt, Freitag auf äußerst plumpe Weise seinen Glauben aufzuzwingen? Freitag ist endlich glücklich. Er strahlt Freude aus. Thema erledigt.

Ich glaube, dass ich an dieser Stelle keine weiteren Worte über das Buch verlieren muss. Darum ein Fazit in aller Kürze: Betrachten wir ausschließlich den Abenteuerteil, bleibt eine recht unterhaltsame Geschichte zurück, die aber schnell an Brisanz verliert. Ich hatte tatsächlich mehr erwartet, da mir vieles zu sehr »nebenbei einfach funktionierte«. Trotzdem kann ich und sollte man dieses Buch nicht auf den Abenteuerteil reduzieren. »Robinson Crusoe« ist ein unglaublich problematisches Buch, das das Thema Rassismus auf eine ekelhafte Weise glorifiziert. Die Wilden werden errettet. Es geht ihnen gut danach. Robinson hat alles richtig gemacht.

All das stimmt mich sehr traurig. Ich habe mich auf »Robinson Crusoe« gefreut. Ich wollte es endlich mal gelesen haben. Jetzt kann ich dies zwar über mich sagen, jedoch macht es mich nicht glücklich. Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder die Energie aufbringen werde, einen weiteren Blick in das Buch zu werfen. Und ich kann es auch niemandem empfehlen. Zumindest nicht, wenn man es als gewöhnlichen Roman lesen möchte. Man kann aus ihm viel über die Zeit erfahren, in der es geschrieben wurde. Das heißt aber nicht, dass ich es mit einer Sicht aus dieser Zeit heraus bewerten muss. »Robinson Crusoe« ist kein gutes Buch. Es ist ein unangenehmes Buch.

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