Planet Raptor

Stellen wir uns Folgendes vor: Auf dem Flohmarkt stoßen wir auf einen Gummikopf und einen Gummifuß eines Velociraptors. Wir kaufen beide Requisiten, weil wir so etwas schon immer haben wollten. Wir verstauen sie im Keller neben anderen Gummikörperteilen von Menschen, Tieren und vergleichbaren Wesen, bis wir eines Tages die Idee haben, einen Film über Raptoren zu drehen. Über einen Planeten voller Raptoren. Mit identischen Köpfen und Füßen. Gute Idee? Aber hallo!

Achtung: Dies ist eine Rezension. In der Regel beschreibe ich in diesen Teile der Handlung und rede vielleicht sogar über das Ende. Dies ist keine Kaufempfehlung oder -abratung. Dies ist meine Meinung. Wer nicht zu viel über den besprochenen Film lesen möchte, sollte an dieser Stelle seine Aufmerksamkeit anderen Dingen zuwenden.

Je länger ich über »Planet Raptor« nachdenke, desto mehr entwickelt er sich zu einem Meisterwerk. Selten habe ich so viele blöde Ideen auf einem Haufen versammelt gesehen. Man weiß nie, was als Nächstes passiert und immer, wenn man denkt, man habe alles gesehen, explodiert plötzlich irgendwo ein Vulkan, damit Lava ein Raptorennest zerstören kann, was letztendlich aber überhaupt keine Auswirkung auf die Zahl der Raptoren auf dem Planeten in diesem Film zu haben scheint.

Ja, der Film spielt auf einem Planeten voller Raptoren. Besucht wird er von ein paar Forscher*innen, die von Soldat*innen begleitet werden, um sie vor Gefahren zu Beschützen. Raptoren zum Beispiel. Natürlich wusste ursprünglich niemand, dass sich Raptoren auf »Planet Raptor« befinden. Sonst hätte man ja wohl niemals unwissende Menschen dorthin geschickt. Oder? Tja. Natürlich wussten am Ende ein paar Leute doch von den Viehchern. Böse Forscher, die für die Armee Raptoren rekrutieren wollten. Wie sich das für einen Film gehört, der so lange Klischees übereinander stapelt, bis sich ein ganzer Planet aus ihnen bildet, der dann auch noch von Raptoren besiedelt wird. Die Armee will jedenfalls Raptoren einfangen und dressieren, um sie als Kampfmaschinen zu benutzen.

Die ganze Geschichte ergibt keinen Sinn. Aber irgendwann denkt man da als Zuschauer*in nicht mehr drüber nach. Hier die Handlung im Überblick: Man schnappt ein SOS-Signal von »Planet Raptor« auf und schickt Leute hin. Auf dem Planeten steht eine Mittelalterstadt, da die Kulisse vermutlich von der Regisseurin irgendeines Mittelalterschinkens zurückgelassen wurde, weil sie sie nicht mehr haben wollte. Das Ding stand für lange Zeit in irgendeiner Wüstengegend herum und wartete wie ein im Bällebad ausgesetztes Kind darauf, endlich von irgendjemandem abgeholt zu werden. Aber es kam einfach niemand. Viele Jahre lang. Bis »Planet Raptor« gedreht werden sollte und man den Regisseur Gary Jones wegen seiner Ideen in die Wüste schickte, um nie wieder etwas von ihm zu hören. Tja. Dumm gelaufen. Er fand die Kulisse. Der Rest ist Geschichte.

Zurück zum Film: Warum steht auf »Planet Raptor« eine Mittelalterstadt? Weil eine außerirdische Zivilisation sie menschlichen Mittelalterstädten nachempfunden hat. Diese Aliens hatten noch weitere gute Ideen. Zum Beispiel hielten sie Raptoren als Haustiere. Bis sie sich von ihnen überwältigen ließen. Trotz Strahlenwaffen.

Apropos Strahlenwaffen. Die Menschen in diesem Film reisen mit Raumschiffen durchs All. Sie können sich auf Planeten teleportieren lassen. Aber bewaffnet sind sie mit Maschinengewehren und Schrotflinten. Dass das keinen Sinn ergibt, hat selbst der Regisseur erkannt. Darum lässt er seine Held*innen darüber reden und es mit einem »Warum sollte man etwas, was sich früher bewährt hat, durch etwas Neues ersetzen?« kommentieren. Ja, Teleportation existiert, aber man hat keine Ideen für bessere Waffen bekommen. Es ist einfach fantastisch. Zumal sich die Aussage über die Qualität der Waffen in die Hinfälligkeit auflöst, sobald geschossen wird, da die Dinger andauern klemmen und ihnen die Munition ausgeht. Wie die vom Militär abgelehnten Strahlenwaffen funktioniert haben müssen, kann man sich nicht im Entferntesten vorstellen. Außer vielleicht die deutsche Bundeswehr.

Ich könnte noch viele Absätze lang auf diese Art und Weise über »Planet Raptor« schreiben. Aber ich glaube, dass das nicht mehr nötig ist. Die Handlung ergibt keinen Sinn. Nicht alles hängt logisch zusammen. Aber andauernd wird man mit Unerwartetem konfrontiert und kann einfach nicht fassen, was hier geschieht. Sagte ich schon, dass die bei der Raptorenzucht gescheiterte Alienrasse riesige Insekten sind, bei denen man am Hals den Puls fühlen kann, damit man an einer Stelle im Film »Es ist tot.« sagen kann? Nein? Das tut mir leid. Als Wiedergutmachung ein Tipp: Hört viele CDs über Sprachen. Dann könnt ihr euch jederzeit Aliens gegenüberstellen und ihre Sprache verstehen. Der Film »Arrival« wäre ganz anders verlaufen, hätte er auf »Planet Raptor« gespielt.

Warum der Film aussieht, als hätte man auf die Filmrolle gepinkelt, weiß ich übrigens nicht. Vielleicht sollte der Film eigentlich „Planet Rawhead Rex“ heißen, als plötzlich Clive Barkers Anwält*innnen um die Ecke kamen und auf das Filmequipment urinierten. Ich weiß auch nicht, warum man einen Film als fertig deklariert, wenn die Effekte zu den schlechtesten gehören, die ich in meinem trashfilmverseuchten Leben jemals gesehen habe. Wer hat das abgesegnet? Vermutlich jemand, der Wert auf Handlung legt und am Ende so am Boden zerstört war, dass ihm / ihr die Effekte egal waren. Einfach egal.

»Planet Raptor« hat mein Herz erobert. Er sollte unbedingt auf deutsch gesehen werden, weil die Synchronisation genauso gut ist wie der Rest. Er ist voller Korruption, traurigen Soldaten, humpelnden Wissenschaftlern, schlechten Animationen und diesem verdammten Raptorenfuß und diesem verdammten Raptorenkopf. Versteht mich nicht falsch: Ich liebe die praktischen Effekte. Aber… nein… kein aber. »Planet Raptor« ist fantastisch. Ein schlechtes Meisterwerk. Ich wollte ihn eigentlich nur nebenbei gucken, doch eroberte er von Minute zu Minute meine Aufmerksamkeit und je länger ich über ihn nachdenke, desto besser und schlechter wird er.

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