Per Anhalter durch die Galaxis (Douglas Adams)

Lockeres Schreiben ist eine Kunst, die ich gerne meistern würde. Dieses Ziel verfolge ich schon seit Jahren. Genauer: Seit dem Jahr, als mir zum ersten Mal »Per Anhalter durch die Galaxis« über den Weg geflogen ist. Es zählt zu den wenigen Büchern, die mich zum Schreiben gebracht haben und mir auch heute noch zeigen, dass ich noch viel zu lernen habe.

In »Per Anhalter durch die Galaxis« geht es um ein Buch. Und zwar das Buch »Per Anhalter durch die Galaxis«. Dieses ist nicht etwa das Buch, das wir lesen, wenn wir »Per Anhalter durch die Galaxis« lesen, sondern das Buch, das immer wieder von den Figuren in »Per Anhalter durch die Galaxis« gelesen wird. »Per Anhalter durch die Galaxis« ist in gewisser Weise die Geschichte des großen Nachschlagewerks »Per Anhalter durch die Galaxis«. »Per Anhalter durch die Galaxis« ist das große Lexikon des Universums. Der Vorgänger von Wikipedia, als an dieses noch niemand auch nur einen Gedanken verschwendet hat. Als man noch Digitaluhren trug und stolz darauf war. Bevor man über Digitaluhren lachte, wieder zurück zu mechanischen Uhren wechselte, nur um mittlerweile bei Smartwatches angekommen zu sein, die, wenn wir ehrlich sind, nichts anderes darstellen als einen Rückschritt zu den Digitaluhren. »Per Anhalter durch die Galaxis« ist Wikipedia in groß. Geschrieben von Wesen, die das Leben zum Glück nicht zu ernst nehmen, und darum nicht über die Dinge schreiben, wie sie wirklich sind, sondern so, wie man sagt, dass die Dinge seien.

»Per Anhalter durch die Galaxis« ist ein Meisterwerk. Und das betrifft beide Bücher. Aber ich möchte noch ein wenig über das fiktionale Werk schreiben. Douglas Adams gelingt ein Kunststück, das ich in dieser Perfektion nur selten gesehen habe. Eigentlich fällt mir gerade kein ähnliches Beispiel ein, doch möchte ich hier selbstverständlich den hochgebildeten Literaten mimen, der gerade vor seiner inneren Bibliothek sitzt und durch tausende Bücher blättert, und dabei auf Beispiele stößt, die seinen Leser*innen vollkommen unbekannt sind. Ich kenne selbstverständlich mindestens einundvierzig ähnliche Bücher, werde sie an dieser Stelle aber nicht nennen, weil ich euch damit nicht belasten möchte. Trotzdem sollt ihr denken, dass sie existieren und ich sie kenne. Und mich dafür bewundern. Bewundert mich. So wie ich Douglas Adams bewundere. Zurück zum Buch.

Es gelingt Douglas Adams, einen Gegenstand für seine Geschichte zu erfinden, der den Leserinnen alles erklärt, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Ihr wisst nicht, wie der Unwahrscheinlichkeitsantrieb funktioniert? Hier ist ein Auszug aus dem Lexikon. Noch fragen? Wirklich? Dann lest halt noch einmal. Und wenn dann immer noch Fragen offen sind, solltet ihr alle bedenken, dass »Per Anhalter durch die Galaxis« kein gutes Lexikon ist. Es wurde geschrieben von Wesen, die es bei vielen Dingen einfach nicht nötig hielten, genauer ins Detail zu gehen. Vielleicht, weil sie zu faul dafür wahren. Vielleicht aber auch, weil das eigentlich nicht nötig ist. Wenn ich einen Wikipediaartikel lese, bleibt 5% davon hängen, wovon ich 70% eine Stunde später noch korrekt wiedergeben kann. Die restlichen 30% werden irgendwie dazuerfunden. »Ich glaube, das war so. Ja, doch. Ich glaube schon. So werde ich es behaupten. Natürlich ohne »Ich glaube« zu sagen. Ist doch egal. Wer nimmt das schon so genau?« Am Ende kann man ja immer noch sagen, dass die Anzweiflerinnen das dann halt gerne selber noch einmal nachschlagen können. »Per Anhalter durch die Galaxis« ist ein schlechtes Nachschlagewerk, dem es trotzdem gelingt, alles auf eine Weise zu erklären, dass man denkt, man habe genug gelesen, um mit diesem neuen Wissen auf irgendeiner Freunde-und-Bekannten-Versammlung anzugeben.

So funktioniert »Per Anhalter durch die Galaxis«. Und zwar das reale Buch. Es hat Mut zur Lücke. Und diese Lücke ist es, die das Buch so genial macht. Douglas Adams macht sich hier über alles lustig, was man von der klassischen Science-Fiction erwartet: lange Erklärungen zu irgendwelchen Antrieben, Technologien und Zivilisationen. Dinge, bei denen ich auf die innere Digitaluhr schaue und mir denke: »Ich weiß noch nicht einmal, wie eine Digitaluhr funktioniert. Muss ich dann wirklich lesen, wie sich irgendeine Autorin vorstellt, dass etwas funktioniert, was so vermutlich nie funktionieren kann?« Ich bin kein Freund langer Erklärungen dieser Art. Douglas Adams schafft es, diese in kurze unterhaltsame Teile zu verpacken, die allesamt so bescheuert sind, dass man sie gar nicht hinterfragen kann. Es gibt nicht einen einzigen Punkt, den man greifen könnte, um die Anzweifelmauer überhaupt zu erklimmt. Aber man kommt sich dabei nicht verarscht vor. Sondern unterhalten. Douglas Adams geht nicht den leichten Weg, indem er Erklärungen weglässt, nein, er geht sogar den schwersten aller Wege: Er denkt sich für alles Erklärungen aus, die uns unterhalten sollen. Und alles ist absoluter Quatsch. Aber genau das verleiht der ganzen Geschichte eine Form der Logik, die seinesgleichen sucht.

Im Grunde laufen die Figuren von »Per Anhalter durch die Galaxis« durch das Universum, zucken immer wieder mit den Schultern und sagen: »Ist halt so. ICH kann es nicht ändern.« Aber nicht auf eine ignorante Art und Weise. Dieses Verhalten ist es, das ich selbst sehr gerne häufiger an den Tag legen würde. Etwas Blödes passiert? Tja. Das Universum ist ziemlich groß. Kann man sich nur mit abfinden und versuchen, sich da irgendwie rauszuwinden oder das Beste draus zu machen. Selbst wenn man in der Luftschleuse eines vogonischen Raumschiffs sitzt und Gefahr läuft, in den Weltraum geschossen zu werden, kann man sich noch den einen oder anderen sympathischen Spaß erlauben. Vielleicht wird man ja doch noch gerettet. Schließlich kann man laut »Per Anhalter durch die Galaxis«, dem großen Nachschlagewerk des großen Universums, durch Luftanhalten bis zu dreißig Sekunden lang im Weltraum überleben. Und in dreißig Sekunden kann in einem unendlich großen Gebiet wahnsinnig viel passieren.

Trotz und wegen dieser Haltung der Figuren kommt immer wieder Spannung und Dramatik auf, was zunächst wie ein Widerspruch klingt, aber gleichzeitig einer und keiner ist. Spannung und Dramatik entstehen eben auf eine ungewöhnliche Weise. Manchmal schaltet sich sogar der Erzähler ein und verrät den Leser*innen, dass in der folgenden Situation niemand ums Leben kommen wird, damit sich niemand zu sehr aufregt. Ein andermal liest jemand, um sich von der drohenden Gefahr abzulenken, einen zufälligen Artikel aus dem Lexikon »Per Anhalter durch die Galaxis«. Immer passiert etwas. Immer ist etwas los. Und immer wieder werden Informationen oder kleine Geschichten in die Erzählung gestrickt, die eigentlich gar nichts mit der Handlung zu tun haben und dann am Ende eben doch oder auch nicht. Man weiß es nicht. Man weiß gar nichts. Das Universum ist unendlich groß. Was weiß ich da schon? »Per Anhalter durch die Galaxis« ist wie die Welt, in der es spielt. Unberechenbar. Alles kann passieren. Das Universum ist eben gigantisch. Douglas Adams´ Einfallsreichtum ebenfalls. Lassen wir uns einfach treiben und sehen, was passiert. Irgendwie werden wir das Ganze schon überleben. Und wenn nicht, hatten wir zumindest sehr viel Spaß dabei.

Das größte Kunststück ist wohl, dass trotz all dem Chaos und der Unberechenbarkeit am Ende eine geradlinig erzählte Geschichte voller sympathischer Charaktere zurückbleibt. Selbst die Unsympathischen sind irgendwie sympathisch, weil man sofort versteht, warum sie sind, wie sie sind. Was will man denn von jemandem erwarten, der von Dschingis Khan abstammt? Oder einer Alienrasse angehört, die ihre einzige Freude aus dem Zerhämmern goldener Krebse zieht? Irgendwie kann man das Verhalten einer jeden Figur in »Per Anhalter durch die Galaxis« nachvollziehen. Weil uns das Nachschlagewerk »Per Anhalter durch die Galaxis« zu jedem von ihnen Hintergrundinformationen gibt. Oder sie selbst etwas über sich erzählen. Oder ihr Verhalten sie charakterisiert. Wenn ein paar Wachposten es einfach cool finden, hin und wieder ein wenig in der Gegend herumzuballern und dabei laut zu brüllen, kann man es ihnen schon fast nicht mehr übel nehmen. Auch, wenn sie ihr Feuer auf die Protagonist*innen richten.

»Per Anhalter durch die Galaxis« strahlt eine Leichtigkeit aus, die es einzigartig macht. Es ist kein langes Buch, aber man kann sehr lange darüber schreiben. Leider wurden ein paar Elemente daraus von den popkulturellen Insiderbrüllern kaputtgemacht. Die Zahl 42 sollte meiner Meinung nach aus der Mathematik gestrichen werden, damit nicht andauernd alle brüllen: »DIE ANTWORT AUF ALLES!« Ich habe immer wieder das Institut der Mathematik angeschrieben und darum gebeten, jedoch hat man sich bisher noch nicht zurückgemeldet. Aber es könnte jederzeit so weit sein. Wobei ich mittlerweile das Gefühl habe, dass das Geschrei ruhiger geworden ist. »Per Anhalter durch die Galaxis« ist ein altes Buch. Vermutlich kennt es auch nicht mehr jeder der jungen Generation. Das ist schade. Wahnsinnig schade. Aber vielleicht tut es dem Buch auch mal ganz gut, etwas zur Ruhe zu kommen und nicht mehr in aller Munde zu sein. Ist ja auch irgendwie eklig. So viel Spucke kann man wirklich niemandem zumuten.

Letztendlich kann ich mich an dieser Stelle nur noch wiederholen. Ich möchte vermeiden, einzelne Szenen zu zitieren. Das wäre problemlos möglich, aber ich könnte mich niemals entscheiden, welche Szenen ich besonders gerne habe. »Per Anhalter durch die Galaxis« ist eine einzige Szene, brillant geschrieben, unterhaltsam, schön, spannend und lustig.

Und diese Leichtigkeit. Damit meine ich nicht, dass es Douglas Adams leichtgefallen sei, das Buch zu schreiben. Aber die Sprache. Die Ideen. Der Fluss der Ereignisse. Das Verhalten der Charaktere. Die Dialoge. Ich komme auch heute noch nicht aus dem Staunen heraus, wenn meine Augen über die Buchseiten fliegen und von einem Höhepunkt zum nächsten jagen. Diese Leichtigkeit ist es, die ich in meinem Leben nur zu gerne einmal erreichen würde. Aber das ist alles andere als leicht. Man muss sich einfach trauen, seine Leser*innen mit Informationen zu füttern, die diese eigentlich gar nicht wollen. Mir fehlt leider häufig der Mut zum Achselzucken. Der Mut zum Weglassen. Der Mut zum: »Das Universum ist groß. Es kann viel passieren. Und es wird viel passieren. Warum lange darüber nachdenken? Lasst uns handeln. Und dann sehen wir weiter. Oder vielleicht auch nicht.«

Wenn ich darüber nachdenke, wie groß unser Universum ist, was dort alleine in dieser Sekunde alles passiert, was dort bereits passiert ist und was noch alles passieren wird, wird mir schnell bewusst, wie unwichtig ich bin. Das sollte einen aber nicht deprimieren. Es sollte einen glücklich machen. Es gibt noch so viel zu erleben. So viel wird passieren. Nicht alles wird gut sein. Aber man kann nichts anderes tun, als durch die Gänge dieses Universums zu stolpern und es so hinzunehmen, wie es ist. Douglas Adams war der Erste, der mir mit seinem Werk genau das gezeigt hat. Die Welt ist groß. Mach das Beste draus. Und nimm nicht alles zu ernst. Am Ende ist es doch sowieso egal.

An meiner Garderobe hängen in diesem Moment fünf Kappen. Ich würde sie am liebsten jeden Tag alle auf einmal aufsetzen und ziehen, um Douglas Adams Respekt zu zollen. Aber natürlich mache ich das nicht. Ich habe Angst. Es könnte sich hierbei um ein Ritual handeln, das auf einem anderen Planeten im Universum einer Kriegserklärung gleichkommt. Und bestimmt wird sich in dem Moment, in dem ich meine Kappen ziehe, ein kleines Wurmloch öffnen, meine Geste per Hyperbildtransmitter auf alle Fernsehgeräte der Wesen auf diesem anderen Planeten übertragen und einen Krieg auslösen, bei dem wir Menschen nur hoffen können, dass sich die Angreifer*innen bei der Berechnung der Größenverhältnisse verrechnet haben und ein einziger Hund ausreicht, um den Krieg zu beenden.

Danke Douglas Adams. Ohne den Anhalter hätte ich vielleicht niemals mit dem Schreiben begonnen.

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