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Genürsel 2014 - 07/52 - Club
Genürsel 2014 - 07/52 - Club

Endlich Wochenende. Endlich. Wahnsinn. Wie lange hatte das jetzt gedauert? Mindestens ein paar Tage. In Kalendern ist er noch nie gut gewesen. Aber warum sich den Kopf über unwichtige Dinge wie die Funktionsweise eines Kalenders zerbrechen? Er hatte Wichtigeres zu tun. Er musste in den Club. Jetzt. Schnell. Sofort. Er streckte sich ein letztes Mal, sprang ein paarmal auf und ab und fühlte, wie das Blut durch seinen Körper rauschte und beinahe die Schallmauer durchbrach. Er war bereit. Es konnte beginnen.

Er war einer der besten Breakdancer aller Zeiten. Das waren zumindest die Worte, die er sich immer und immer wieder einredete. Dass er im Grunde gar nichts drauf hatte, sollte man in seiner Gegenwart besser nicht von sich geben, denn im Gegensatz zum Tanzen war er ziemlich gut darin, anderen Menschen die Nase zu brechen. Nosebreaker? Breakdancer? Manchmal ist der Unterschied zwischen zwei Berufsbezeichnungen geringer, als man vermuten würde. Aber über solche Dinge dachte unser Tänzer gerade nicht nach. Er rannte in Richtung Club und ließ sich währenddessen die einstudierte Tanzchoreographie durch den Kopf gehen.

Am Club angekommen drückte er dem Türsteher ein paar Geldscheine in die Hand. Die einzige Möglichkeit, noch in irgendeinen Club seiner Stadt zu gelangen, stellten bestechliche Türsteher dar. Klar, er hätte auch einbrechen können, aber das machte ihn zu einem Verbrecher. Das wollte er nicht. Er war Breakdancer. Und bezahlte Türsteher. Er kannte ihre Arbeitszeiten. Er wusste, wann er in welchen Club reinkommen konnte. Er wusste zwar auch, dass ihn dieses Verhalten irgendwann noch einmal in den finanziellen Ruin stürzen würde, aber er redete sich gleichzeitig ein, dass sich seine Mühen sicherlich auszahlen würden. Er musste nur Geduld haben. Und tanzen. Breakdancen. Man würde ihn schon entdecken. Er fühlte, dass er kurz vor dem großen Durchbruch stand. Dann würde niemand mehr über ihn lachen.

Dabei lachte fast keiner mehr über ihn. Alle verdrehten die Augen, wenn sie ihn in einem Club sahen. Jeder wusste, was jetzt passieren würde. Als er die Tanzfläche betrat, bildeten alle einen Kreis um ihn. Nicht, weil sie ihn respektierten. Nicht, weil sie ihm Tanzplatz machen wollten. Man wollte nichts mit ihm zu tun haben. Viele wandten ihm den Rücken zu, um ihm zu zeigen, dass sie ihn nicht sehen wollten. Aber ihn stachelte das nur noch mehr an. Er würde es schon schaffen, dass man sich wieder in seine Richtung drehte. Wartet nur ab, ihr Ignoranten.

Nur wenige sahen ihm dabei zu, wie er seine Tanzmatte ausrollte und sich die Tanzmütze aufsetzte. Als er fertig war, kam eine junge Frau auf ihn zu. Sie zog ihn zu sich. Ihm wurde heiß. Sie riet ihm, sofort mit dem Blödsinn aufzuhören. Er sagte, dass er nicht aufhören könne. Als sie sich umdrehte und aufmachte, den Club zu verlassen, rief er ihr hinterher, dass er seinen ersten Tanz ihr widmen würde. Sie reagierte nicht. Das motivierte ihn nur noch mehr. Sie motivierte es auch. Und zwar den Club noch schneller zu verlassen als ursprünglich geplant. Sie wollte das alles weder mit ansehen müssen, noch am Ende schuld sein.

Er verschränkte die Arme vor der Brust und wartete. Er wartete auf ein passendes Lied. Er musste lange warten. Ein paar Clubbesucher hatten dem DJ mitgeteilt, dass er da war. Der DJ spielte nun schon den dritten langsamen Song hintereinander. Auch das störte den Breaker nicht. Er wusste, dass der DJ nicht ewig so weitermachen konnte. Und er hatte Recht. Wie immer. Als der DJ ein schnelles Musikstück auflegte, drehte der Breaker auf.

Zunächst bewegte er die Beine im Takt. Dann nickte er mit dem Kopf. Er fuchtelte mit Händen und Armen vor seinem Körper herum. Zeit für den Headspin. Er sprang in die Luft. Wie ein Profischwimmer nach dem Startschuss setzte er zu einer Art Köpper an. Aber nicht ins Wasser, sondern auf seine Tanzmatte.

Er landete auf dem Kopf und brach sich das Genick. In der Menge brach Panik aus. Man schrie und rief einen Krankenwagen. Die Ärzte brachen sofort auf. Im Club angekommen, legten sie den unnatürlich zuckenden Tänzer auf eine Bare und brachten ihn ins Krankenhaus. Die Ärzte brachten es tatsächlich fertig, ihn das Ganze überleben zu lassen. Das gebrochene Genick verheilte. Als der Tänzer das Krankenhaus verlassen wollte, ließ man ihn nicht gehen. Es sollte sich ausruhen. Das wollte er aber nicht. Also brach er aus. Er wollte sich nichts vorschreiben lassen. Breakdancer sind Menschen von der Straße. Und auf der Straße werden Regeln gebrochen.

Er war der beste Breakdancer der Welt.

Und der nächste Club wartete bereits auf ihn.

Genürsel 2014 - 07/52 - Club
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Sven Himmen