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Genürsel 2013 - 18/52 - Hilfe
Genürsel 2013 - 18/52 - Hilfe

Liebe Vergangenheitsverwalter: Den gestrigen Tag würde ich gerne aus meinem Kalender streichen. Ja, ich weiß, dass das nicht geht. Gestern wird nicht so einfach aus meiner Personalakte verschwinden. Weil die Welt ein ungerechter Ort ist. Ein Ort, an dem Hilfe nicht gerne gesehen ist.

Dabei fing der Morgen doch so gut an. Ich hatte zum Frühstück ein paar Pizzareste unter dem Bett gefunden und nicht gefragt, wie sie dorthin kamen, sondern warum sie noch da und nicht längst in meinem Mangen lagen. Verstaubte Pizza. Kann ein Tag besser beginnen? Ich glaube dies wie ich an Gott. So begann ich den Tag frisch gestärkt und verzichtete auf die morgendliche Dusche, weil ich dies lieber abends tue. Um meine Lebensfreude an meine Mitmenschen weiterzugeben, plante ich für den weiteren Tagesverlauf einen Stadtbummel ein. Mir war sowieso ein wenig übel und ich hustete aus mir unbekannten Gründen Staub. Ein bisschen frische Luft würde mir sicherlich gut tun. Das dachte ich damals. Wie blöd von mir.

Als ich meine Wohnung verließ, stand vor mir eine junge Frau im Treppenhaus. Sie trug einen riesigen Koffer Stufe für Stufe hinunter. Offensichtlich handelte es sich hier um ein sehr schweres Gepäckstück. Ich grüßte sie und das Gepäckstück, ignorierte ihre verwunderten Blicke und das Anschweigen des Koffers und fragte sie, ob ich ihr helfen dürfte. Dabei bewegte ich meine Hand bereits Richtung Koffer und war überrascht, als ich ein "Nein." als Antwort zurückbekam. Wie? Nein? Das kam unerwartet. Ich fragte noch einmal nach. "Wirklich nicht?" Wieder ein "Nein.". "Aber ich kann sie doch nicht den Koffer alleine runtertragen lassen." Wir befanden uns übrigens in der zweiten Etage, der Weg war also noch lang. "Geht schon." "Und wenn wir den Koffer zusammen runtertragen?" "Geht schon." "Der ist aber schwer." Hier stimmte doch etwas nicht. Warum wollte man sich nicht von mir helfen lassen? Ich überprüfte mein Gesicht auf zurückgelassene Pizza- oder Staubreste, die vielleicht gerade unwissentlich meine Autorität untergruben, fand aber nichts. Ich war mit der Situation überfordert und beschloss, zu handeln. Ich schnappte mir den Koffer und begann, ihn zu tragen. Ich hörte hinter mir ein genervtes Ausatmen und erwiderte: "Tut mir leid, ich bin mal so dreist." So trug ich den Koffer bis ganz nach unten vor die Haustür, gab ihn der Dame zurück und verabschiedete mich höflich. Sie bedankte sich, grinste und ging.

Ich fühlte mich unwohl. Bin ich zu dreist gewesen? Hätte ich sie stehen lassen sollen? Sollte man Hilfsbereitschaft jemandem aufzwingen? Ich wusste keine Antworten auf die Fragen und versuchte, nicht weiter über die Geschichte nachzudenken. Vor allem, als ich plötzlich an all die Filme denken musste, in denen Killer ihre zerstückelten Opfer das Treppenhaus runtertragen und dabei von Anwohnern überrascht werden. Als ich mir ausmalte, wie ich mit dem Koffer in der Hand ins Stolpern gerate, ihn fallenlasse und daraufhin Körperteile durch das Treppenhaus tollen, beschloss ich, nie wieder zu denken. Und nie wieder das Treppenhaus zu betreten, wenn sich Leute aus den ihm angeschlossenen Wohnungen in ihm aufhalten.

Die Leute unter mir gehen hier übrigens ähnlich vor. Als ich einmal das Treppenhaus hinunterging, öffnete sich hinter mir eine Tür. Als man mich durch den kleinen Spalt erblickte, schloss man die Tür sofort wieder, als wäre ich ein blutbeschmierter Mörder gewesen. Das war nun alles andere als unauffällig, ich ließ mir damals aber nichts anmerken. Nach meinem Koffererlebnis bekomme ich jedoch einen schlimmen Verdacht. Wussten die Leute unter mir, was in der Wohnung über mir vorging? Oh. Ich wollte ja nie wieder denken.

So ging ich weiter in Richtung Stadt, genauer in Richtung U-Bahn-Haltestelle. Dort angekommen wartete ich auf die nächste Bahn. Ich kramte ein Buch aus meiner Tasche hervor und begann, darin zu lesen. Bis die Bahn kam. Ich betrat das Gefährt und fuhr weiterlesend mit ihm mit. Wenn ich lese, dann bekomme ich nicht viel von meiner Umgebung mit. Man will ja nichts Wichtiges verpassen. Irgendwann hörte ich jedoch ein lautes "Jetzt machen sie doch mal Platz!" neben mir. Ich zuckte zusammen und sah mich um. Die Bahn war ziemlich voll. Kein Sitzplatz war frei. Links neben mir stand eine ältere Dame, rechts von mir saß ein älterer Herr. "Sehen sie nicht, dass diese Frau sich setzen möchte?"

Sofort verstand ich, was los war. Ich stand auf und bot der Dame meinen Platz an. Diese bedankte sich und lächelte mir zu. Ihr war das Ganze offensichtlich genauso unangenehm wie mir. Der Mann dagegen schimpfte weiter. "Die heutige Jugend." Ich wurde wütend. "Ich habe gelesen!" Ich bekam lediglich ein Kopfschütteln zurück. Ich war in dieser Geschichte der Böse und musste mich Wohl oder Übel damit abfinden. Dies tat ich, indem ich mir vorstellte, wie ich dem Mann mit dem Buch die Nase brach und ihm daraufhin eine Seite des Buchs zwischen zwei Zähne steckte, diese schnell nach vorne herauszog und ihm so das Zahnfleisch zerschnitt. Diesen Vorgang wiederholte ich, bis seine Zahnzwischenräume aussahen wie die Zahnswischenräume von jemandem, der zerfetzte Zahnzwischenräume hatte. Mit dieser Vorstellung schaffte ich es, mich den Rest der Fahrt bei Laune zu halten.

Als ich aus der Bahn ausstieg, stand ich vor einer großen Treppe, über die ich die Innenstadt erreichen konnte. Neben mir stand ein älterer Herr, der einen schweren Koffer neben sich abgestellt hatte. Er schaute die Treppe hinauf und stellte sich anscheinend gerade vor, wie er vor vielen Jahren problemlos diesen Koffer hinaufgetragen hätte. Ich wusste, was zu tun war, nahm mir aber vor, diesmal ein "Nein." zu akzeptieren.

"Kann ich ihnen helfen?" Der Mann sah mich an und grinste. "Ich weiß nicht, ob sie das können." Als angehender Sprachwissenschaftler war es für mich eine Ehrensache, dem Mann so feste gegen die Kniescheibe zu treten, dass er schreiend zusammenbrach. Dies tat ich dann auch. Ein Ehrenmann hat Verpflichtungen, denen er nachkommen muss. Bevor einer der umstehenden Passanten reagieren konnte, rannte ich mit dem Koffer des Mannes die Treppe hinauf und war um die nächste Ecke verschwunden. Den Koffer warf ich nicht in den Main, nachdem ich ihn um alle wertvollen Gegenstände erleichtert hatte. Ich behielt einfach alles und ging zu Fuß nach Hause. Auf einen Stadtbummel hatte ich keine Lust mehr. Der Koffer war ziemlich sperrig.

Die Nacht habe ich gut überstanden aber kaum geschlafen, weil ich die ganze Zeit hoffe, nicht erkannt worden zu sein. Hin und wieder konnte ich mich ablenken, indem ich die Kleidung des alten Mannes anzog und so tat, als sei ich er. Mittlerweile bringt mir das aber nicht mehr viel Spaß. Darum denke ich jetzt darüber nach, wie ich den Koffer wieder loswerde. In den Müll werfen? Im nächstgelegenen Park abstellen? Das sind alles interessante Möglichkeiten, die leider ein Problem mit sich bringen: Ich muss mit dem Koffer durchs Treppenhaus. Und dass ich dabei der jungen Frau vom Vortag begegnen werde, ist klar. Der Zufall und ich haben schon oft in Situationen wie diesen zusammengearbeitet. Sie wird fragen, ob sie mir mit dem Koffer helfen soll, ich werde verneinen, sie wird ihn mir aus der Hand reißen, dabei stürzen, den Koffer fallen lassen, dieser wird sich öffnen und seinen Inhalt im Treppenhaus vergießen. Von diesem Tag an würde ich der aufdringliche Schleimer sein, der in seiner Freizeit Alte-Männer-Klamotten trägt.

Ich glaube, ich werde den Koffer erst einmal unter meinem Bett verstecken. Vorher sollte ich aber noch nach Pizzaresten Ausschau halten. Ich habe noch nicht gefrühstückt.

Genürsel 2013 - 18/52 - Hilfe
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Sven Himmen